27.10.2009

"Gegner" - 10. Kapitel





















10

Um 20 Uhr 35 verließ Kanter sein Zimmer und fuhr mit dem Lift hinab in die Halle, in der sich zu diesem Zeitpunkt nur wenige Gäste aufhielten. Der PLO-Schatten - es war der, den Maruan angesprochen hatte - stand mit auf der Brust verschränkten Armen an der Rezeption und flirtete mit einer dunkelhaarigen Hotelangestellten. Kanter erinnerte sich, seinen Reisepass noch nicht zurückerhalten zu haben. Er wollte ihn unter allen Umständen in sicheren Händen wissen, wenn er in den christlich beherrschten Landesteil ging. Er blieb neben dem Palästinenser stehen und bat das Mädchen um das Dokument, das sich im Schlüsselfach befand.
„Sie reisen ab?“
„Nicht heute,“ antwortete Kanter dem untersetzten Mann freundlich.
„Morgen?“
„Übermorgen.“
Das Mädchen brachte den Pass. Kanter steckte ihn ein, dankte mit einem Lächeln.
„You're welcome, Sir“, sagte sie. Der Palästinenser bot billige ägyptische Zigaretten an:
„Sie dürfen sich glücklich schätzen, bald wieder in einem unzerstörten Land zu sein.“
„Sie haben Recht.“
„Ein gutes Gefühl muss das sein.“
„Überall gibt es Probleme.“
„Aber keinen Krieg.“
„Das ist richtig… aber was wollen Sie von mir?“
Der Palästinenser lächelte und hob wie zur Entschuldigung die Schultern:
„Sie werden denken, wir seien dumm. Das denken Sie doch, nicht wahr?“
„Sie irren sich.“
„Doch, so denken Sie. Ihre Blicke verraten Sie. Was für plumpe Leute, die jede Eleganz vermissen lassen. .
„Eleganz?“
„Oder Raffinesse, Fingerspitzengefühl, Geschick - ganz wie Sie wollen.“
„Sie werden Gründe haben.“
„Nicht ich, Mister, nicht ich persönlich, will ich sagen. Man hat Interesse.“
„Aber warum?“
Der Palästinenser zeigte dem Deutschen die Innenflächen seiner Hände. Eine friedvolle Geste, die gleichzeitig anzeigte, dass der Mann sich noch nicht mit der Frage auseinandergesetzt hatte. Es gab Befehle, und die führte er aus. Ohne Fragen zu stellen.
„Sie kennen die Motive nicht?“
„Vielleicht fürchtet man Ihr geschäftliches Geschick? Es gibt Menschen, die keinen Unterschied machen, sondern nur den Gewinn sehen. Die Situation ist brisant. Kleinigkeiten können zu verheerenden Folgen führen. Ihnen wird nicht entgangen sein, dass die Kämpfenden im Libanon über sehr unterschiedliche Ausrüstungen verfügen.“
„Ich habe mich aus den Geschäften zurückgezogen - nein, zurückziehen müssen.“
„Wer weiß?“
„Und ich hätte allen Grund, gerade um die Seite einen Bogen zu machen, mit der Sie mir Geschäfte unterstellen.“
„Wer weiß das?“
„Sie haben jeden meiner Schritte überwacht, Freund, Sie haben jeden Anzug und jeden Koffer in meinem Zimmer durchsucht - was haben Sie gefunden?“
Die Brauen des Arabers zogen sich zusammen. „Wir waren nicht in Ihrem Zimmer, Mister!“
„Wirklich nicht? Nun, es gibt eindeutige Beweise, dass es durchsucht worden ist. Aber wenn Sie sich für mich interessieren, warum sollte es nicht noch andere Gruppen geben?“
Bisher war der andeutungsreiche Wortwechsel eine Art lockeren Geplänkels gewesen, ein unverbindliches Spiel. Doch plötzlich zeigte sich der betont gelassene und ruhige Palästinenser von einer anderen Seite. Er war nervös und die Worte stieß er hart und aggressiv hervor:
„Sie irren sich! Sie unterstellen Dinge, weil Sie vermuten, eine Durchsuchung sei eine der Kontrollmaßnahmen die unbedingt durchgeführt werden! Das ist falsch! Falsch, hören Sie?“
„Halten Sie mich für einen Idioten?“
„Wie käme ich dazu, Sie zu beleidigen?“
„Und ich, Ihnen ein Märchen aufzutischen?“
„Was macht Sie so sicher?“
„Tatsachen,“ sagte Kanter, „simple Tatsachen, die unübersehbar sind.“
Die Blicke der beiden Männer begegneten sich. Die Angestellte hob den Kopf, als erwarte sie den Ausbruch eines heftigen Streites.
„Mein Ehrenwort“, sagte der Palästinenser leise, „wir waren es nicht.“
„Wer sonst?“
„Ich habe keine Antwort, aber... vielleicht sind Sie auf dem richtigen Weg, wenn Sie...“
Er brach ab, warf seine aufgerauchte Zigarette in den Ascher auf dem Tresen, atmete tief ein und nickte vor sich hin.
„...wenn ich eine andere Gruppe dafür verantwortlich mache?“
„Ja, das meinte ich. - Sie werden entschuldigen.“
Er ließ Kanter stehen und verließ die Halle. Der Deutsche fuhr sich über das Kinn. Er war nachdenklich geworden. Was, wenn der Mann die Wahrheit gesagt hatte? Was, wenn es stimmte, dass Unbekannte sich im Zimmer umgesehen hatten?
Wer waren sie? Hotelpersonal?
Die verschwundene Einhundertdollarnote deutete darauf hin.
Aber was, wenn nicht?
Kanter musterte die wenigen Personen, die sich in der Halle aufhielten. Zwei fette Griechen, die flüsternd miteinander sprachen, eine grauhaarige Frau, die in einer Ausgabe des „L'Orient-Le Jour“ las und ein leeres Glas neben sich stehen hatte, eine Gruppe von vier Kuwaitern, die Tricktrack spielten und ein junger, glattgesichtiger Libanese, der sich in der Nähe der Telefonzentrale platziert hatte und eine dünne Zigarre rauchte. Das unangenehme Gefühl, mit einer Unbekannten rechnen zu müssen, beschlich Kanter, der langsam zur Bar schlenderte und dort einen Gin Tonic bestellte. Er zog Zigaretten aus der Tasche, ließ sich vom Barkeeper Feuer geben und stützte den Kopf in die rechte Hand.
Wenn es zutraf, dass eine zweite Gruppe seine Aktivitäten beobachtete, dann ging sie bedeutend geschickter vor als die PLO-Leute. Zwar sprach die Art der Zimmerdurchsuchung nicht für Profis, jedoch für Entschlossenheit. Wuchs da eine Gefahr heran?
Kanter seufzte. Er bekam sein Getränk, nahm einen Schluck und stellte dann fest, dass es 20 Uhr 50 war. Er beschloss, Maruan zu informieren und ab sofort mit größter Aufmerksamkeit seine Umgebung zu beobachten.


Elam Maruan lag in seinem Bett. Seine Augen waren geschlossen. Auf seiner Brust lag ein Band mit Lyrik des Amerikaners Walt Whitman. Maruan hatte lesen wollen, dann aber hatte der Schmerz mit scharfen Krallen wieder zugeschlagen und ihn gezwungen, eine zweite Spritze zu setzen, deren Wirkung noch nicht eingetreten war. Er stöhnte leise. Sein schmales, spitzes Gesicht hatte eine gelbliche Färbung angenommen. Bartstoppeln bedeckten silbern und schwarz Kinn und Wangen. Seine Augen fühlten sich an, als wären an der Unterseite der Lider Widerhaken aufgesetzt. Der kleine Mann dachte an den Revolver, den er in der Nachttischschublade verwahrte. Er dachte an ihn mit dem Gefühl, sich rückversichert zu haben. Die Kammern der Trommel waren mit 45er Magnum-Munition geladen, fürchterliche Geschosse, deren Weichbleiprojektile in der Art der Wadcutter Geschosse an den Spitzen abgeplattet und eingebohrt waren. Auch ohne den Mund mit Flüssigkeit zu füllen, waren diese Patronen geeignet, ihm den Kopf abzureißen. Der Tod würde sofort eintreten - absolut sicher und undramatisch. Und so sollte es auch sein, wenn die Stunde kam, die er zu der seines Todes bestimmte. Ohne Aufhebens, wenn auch unappetitlich aussehend, würde er den Schmerz fliehen.
„Aber ich bestimme Ort und Zeitpunkt, Tiger“, flüsterte er dem Schmerzfeind zu.
„Ich, Krallentier, ich allein. Bei wachem Verstand, bei klarem Bewusstsein - als Mensch, der sich triumphierend von dir verabschieden wird. Aber nicht heute, Katzenvieh! Nicht heute!“
Er lauschte in sich hinein. Die Antwort war der Schmerz, der wie eine rasende Meute tollwütiger Tiere seinen Körper zerfraß.


George Chehada ließ den Black Label aus der Flasche in sich hineinlaufen. Sein stark entwickelter Adamsapfel hüpfte auf und ab. Mit einem lauten Seufzer setzte er die Flasche ab und hielt sie Jean Vazmaz hin, der vor wenigen Minuten aus Beirut zurückgekehrt war und auf seinem gewohnten Platz am zweiten Schreibtisch saß. Der Jüngere der beiden Männer griff zu. Und er trank wie in großer Verzweiflung. Vor ihm auf dem Tisch lag ein angebissenes Stück Fladensandwich.
Es hätte wie immer sein können, und doch war es anders. Das Gesicht des Jüngeren war von brutalen Schlägen gezeichnet. Die Oberlippe war aufgerissen, das linke Auge dunkelblau, und quer über die Stirn zog sich eine tiefe Schramme, die mit Jod behandelt worden war. Jean Vazmaz ließ die Schultern hängen.
Er gab die Flasche zurück und griff nach den Zigaretten, die neben ihm lagen.
„Sie machten gar keinen Hehl daraus, dass sie mich für einen Lügner hielten. Sie sagten, ich hätte eigenwillig gehandelt und in perverser Mordwut einen Mann erschossen, der seinen Beitrag für das Land geleistet habe. Sie prügelten mich, bis ich wahnsinnig wurde, George, sie wollten die Wahrheit, das Geständnis, Gavriel hätte keinen Befehl verweigert, sie behaupteten, ich hätte aus ganz persönlichen Motiven gehandelt. Ich sagte, dass doch entsprechende Befehle vorgelegen hätten für einen solchen Fall. Kein Pardon, hart sein und durchgreifen und all das. Sie ließen sich auf keine Diskussion ein und nahmen dann auf, was ich zu sagen hatte.“
„Du wiederholst dich, Jean“, kam es ohne besonderes Interesse von George Chehada.
„Ich habe dir bereits gesagt, dass sie geblufft haben, um zu prüfen, was an der Geschichte dran ist. Du wärst nicht hier, wenn es anders wäre.“
„Sie sprachen von einem Beschluss, der morgen vom Obersten Führer gefällt werden wird. Nach meinem Empfinden sieht es nicht gut aus.“
„Dann warte ihn ab!“
Chehada war ungeduldig. Ihn beschäftigten andere Probleme, seitdem er sicher war, dass Kanter im Auftrag einer PLO-Organisation nach Beirut zurückgekehrt war. Raphael hatte gemeldet, bei den Männern, die den Deutschen wie ihre Augäpfel beschützten, handle es sich um Fatah Fedajin, die ihm gegenüber keinesfalls unfreundlich eingestellt seien, sondern im Gegenteil seinen Anweisungen Folge leisteten. Dies sei bei einem Gespräch deutlich geworden, das Kanter an der Rezeption mit einem Palästinenser geführt habe: letzterer habe offenbar einen Befehl des Deutschen entgegengenommen und sich dann entfernt. Diese Darstellung musste als richtig eingeschätzt werden, zumal die Überprüfung des Fiat 132 ergeben hatte, dass er einem offiziell in Kuwait registrierten Fatah-Funktionär gehörte.
„Sie ließen keinen Zweifel daran, dass ich zur Rechenschaft gezogen werde, George.“
Chehada presste die Lippen zusammen. Er fühlte sich gleichzeitig müde und gereizt. Der Besuch bei der Armenierin hatte nicht das gebracht, was seine Phantasie ihm vorgegaukelt hatte. Das füllige Mädchen hatte ihn eingelassen und war - wie er es gewollt hatte - sofort zur Sache gekommen. Kaum hatten ihre Hände ihn berührt, war es ihm gekommen. Er hatte es ein zweites Mal versucht, aber seine Kraft überschätzt. Enttäuscht, gereizt und mit einem Gefühl der Leere war er ins Büro gefahren, wo er auf Jean Vazmaz getroffen war, der vollkommen entnervt seinen Bericht vorgetragen hatte.
„Hör endlich auf, Jean!“ sagte er scharf.
„Schlaf dich aus und werde wieder ein Mann, der seinen Verstand gebrauchen kann.“
„Dich scheint das, was auf mich zukommt, gleichgültig zu lassen! Ist es so?“
„Hör bitte auf, Jean, ich habe andere Sorgen. Es geht um diesen Deutschen, den wir mal in der Mache gehabt haben. Du erinnerst dich?“
„Klar.“
„Er ist zurückgekehrt und wieder für die Fedajin tätig. Wir sind an ihm dran, aber es sieht so aus, als wenn er gut abgedeckt würde.“
„Willst du eine Aktion gegen ihn starten?“ Chehada erhob sich. „Ich will nachholen, woran wir damals gehindert wurden.“
Er ging auf und ab.
„Er hat kein Auto, sonst könnte man ihm da ein Ei reinsetzen.
Irgendwer wird es mit einem Karabiner tun müssen.“
Jean Vazmaz tastete seine geschwollene Nase ab.
„Wenn ich das übernehme? Ich meine, es ist doch eine wichtige Sache, mit der ich beweisen könnte, dass ich gut bin, George!“ Chehada blieb stehen.
„Ein harter Job, Jean!“
„Aber eine Chance, nicht wahr?“
„Du musst ihn aus all den Menschen raus schießen, obwohl das Umfeld dir keine optimale Deckung bietet. Kennst du das Atlantic auf der Ramlet el Baida?“
„Ich kenne den Laden.“
„Dann weißt du, wie schwer es sein wird, ihn wirklich im ersten Anlauf zu erledigen. Einen zweiten schaffen wir wohl kaum... aber warum nicht?“
„Muss es ein direkter Angriff sein?“
„Er muss draufgehen, das ist alles! Raphael war heute in seinem Zimmer. Vielleicht lässt sich das wiederholen. Wir legen ihm eine Packung TNT unter seinen Schweinearsch und blasen ihn hoch.“
Vazmaz erhob sich ebenfalls.
„Ihm einen Kontaktzünder in die Matratze bauen, ist kein Problem - wenn man einige Minuten freie Hand in seinem Zimmer hat.“
„Du willst es auf dich nehmen?“
„Ja, George. Ich habe das Gefühl, dass die Sache mir nützt.“
„Sicher. Wir müssen nur schnell sein. Wir brauchen den Zünder. Die Kiste muss montiert werden. Sie muss rüber und in sein Zimmer. Ramir hat eine Menge Sprengstoff in seinem Arsenal. - Wer baut uns die Packung zusammen?“
„Gisbert. Er hat eine Menge Sachen in die Luft gejagt.“
„Gut. Er hat Dienst am Tabarja Beach. Fahr raus zu ihm und klär das ab. Ich kümmere mich um Ramir und den Zünder. Worauf wartest du?“
Jean Vazmaz steckte seine Zigaretten ein.
„Soll ich heute Nacht noch rüber zu den Moslems gehen?“
„Sobald wir fertig sind, Jean. Ich werde Raphael fragen, wie es aussieht und ob eine Chance besteht, das Zimmer des Deutschen wieder zu betreten. Wenn er ja sagt, fahre ich dich nach Beirut, und du gehst rüber und erledigst ihn.“
„Okay. Und du kümmerst dich um die andere Geschichte? Die mit Gavriel?“
„Na sicher, Jean. Behalte die Nerven.“
Jean Vazmaz verließ das Büro. Chehada griff nach der Flasche. Raphael ist ohne weiteres in sein Zimmer eingedrungen, dachte er, was spricht gegen ein zweites Mal? Nichts, sagte er sich, absolut nichts. Wenn es aber so ist, Deutscher, dann reist du morgen ab. In die Ewigkeit.


Nachdem Kanter in der Bar des Hotels einige Drinks genommen und ein belangloses Gespräch mit einem Werkzeugmaschinenverkäufer geführt hatte, war er nach oben gefahren, von wo aus er Munja anzurufen gedachte. Im Grunde, sagte er sich, ist es eine unmögliche Situation, in die du das Mädchen hineinzwingst. Du konfrontierst sie mit einem Geschehen, das - ob du willst oder nicht - der Vergangenheit angehört. Vielleicht reißt du Wunden auf, zerstörst etwas, das neu aufgebaut wurde. Vielleicht läufst du auch gegen eine Mauer der Ablehnung. Welche Entschuldigungen er auch immer für sein langes Schweigen vorbringen würde, keine konnte überzeugen oder darüber hinwegtäuschen, dass er in der Rolle eines armen Sünders auftrat, der um Verzeihung seiner Schuld bittet.
Wie soll sie verstehen, dass du niemals den Versuch gemacht hast, Kontakt zu ihr aufzunehmen? Sie kann sich denken, dass du Gelegenheit gehabt hättest - trotz des Krieges und trotz der Entfernung. Sie liegt ja auch richtig, wenn sie vermutet, dass du sie aus deinem Gedächtnis hast streichen wollen.
Und wenn sie sich meldet, was kannst du ihr sagen? Werden deine Worte nicht hohl klingen, die Gründe, mit denen du um Verständnis nachsuchst, nicht blechern sein?
Kanter ließ den Zehn-Uhr-Termin, den er für den Anruf bestimmt hatte, mit dem Gefühl verstreichen, es sei notwendig, zuerst mit sich selbst ins reine zu kommen. In gewisser Weise fürchtete er die Begegnung, auch wenn sie nur telefonisch war, weil sie seine Hoffnung auf einen neuen Anfang ihrer Beziehung endgültig zerschlagen konnte. In ihm bohrte die uneingestandene Angst, der Verlust Munjas könnte sich als endgültig herausstellen.
Aber ich will es wissen!
Brennend sein Verlangen nach ihr.
Liebe ich sie? Oder ist auch das Täuschung?
Er horchte in sich hinein, spürte den Bildern der Vergangenheit nach, die sich trotz heftigem Bemühen nicht entwickeln wollten.
Habe ich sie geliebt?
Er faltete die Hände zwischen den Beinen und erinnerte sich der unendlichen Qualen der Gefangenschaft, deren fürchterlichste die Trennung von Munja gewesen war. Der körperliche Schmerz war bestialisch gewesen, doch das Bewusstsein, diese Frau verlieren zu müssen, hatte grausame Spuren in ihm hinterlassen.
Ich habe sie geliebt, sagte er in sich hinein. Nur sie. Vor ihr gab es niemanden. Ob es nach ihr der Fall sein wird...?
Maruan sagte, sie sei verbittert gewesen, zutiefst getroffen und enttäuscht. Wie hat sie damit gelebt? Ist eingetroffen, was Elam angedeutet hat? Dass sie mit der gleichen Intensität hasst, mit der sie geliebt hat? - Was kannst du ihr sagen? Kanter erhob sich, ging im Zimmer auf und ab. Einmal blieb er vor dem Spiegel in der Garderobe stehen und betrachtete sein Hart gewordenes Gesicht und die darin schwimmenden kalten Augen, die bar jeder Illusion waren. Er hatte sich nicht nur äußerlich verändert. In seiner Seele hatte ein Prozess stattgefunden, der seine Lebensauffassung umgeworfen hatte. Was sprach dagegen, dass auch Munja Ähnliches erlebt hatte? Und wieso die im Grunde aberwitzige Hoffnung, das, was damals war, könnte sich wiederholen? Waren die Voraussetzungen nicht anders? Je länger er sich mit dem Problem beschäftigte, desto mehr widerstrebte ihm der Anruf. Du kannst die Sache morgen erledigen, redete er sich zu. In der Zwischenzeit bist du dir über all die Dinge klar geworden, die im Dunkel sind. Du wirst wissen, was du willst.
Aber ich will es wissen! wütete er. Und er wollte nicht feige sein.
Um halb elf gab er seinen Widerstand auf und wählte endlich die Nummer.
Nach dem dritten Läuten wurde abgehoben.
„Chalid,“ sagte Munja.
Kanter hörte ihre Stimme und war wie erschlagen. Die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, waren in einem wabernden Brei untergegangen. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ihm fehlten die Worte.
„Wer ist dort, bitte?“
Ihre Stimme klang überrascht und drängend.
Kanter schluckte.
„Ich,“ würgte er schließlich hervor, erschreckt, sie könnte wieder auflegen.
Wusste sie, wer er war?
Sie schwieg. Unendlich lange, wie ihm schien. Er leckte sich über die trockenen Lippen, dann sprach er leise ihren Namen.
Sie reagierte nicht. Er hörte nur ihren Atem.
„Munja!“
„Monsieur?“
Es war wie ein ängstliches Räuspern - ungläubig und zaghaft zugleich.
Kanter schmeckte das Wort sozusagen auf die Stimmung ab, die sich in ihm verbarg. War das eine belanglose Frage - oder schwang da erinnerungsträchtiges Erkennen mit? Sein Herz schlug wild und schmerzhaft. Warum sprach sie nicht?


Als Pierre ihr von dem Anruf des Ausländers erzählt hatte, war Munja sofort auf den Gedanken gekommen, es könnte Kanter gewesen sein. Mit wachsender Spannung hatte sie den angekündigten Termin erwartet und war, als endlich das Klingeln erlösend durch das Haus schrillte, zum Telefon gelaufen. Jetzt aber, da sie Kanter am anderen Ende der Leitung wusste, war sie unfähig, den Sturm der in ihr aufwallenden Gefühle zu bändigen. Sie spürte ein Würgen in der Kehle. Sie fühlte sich hin- und her gerissen zwischen einer unendlichen Erleichterung, einer wie Feuer auflodernden Freude und einem jäh hochsteigenden Zorn, der mit Gewalt an die Oberfläche drängte und sich zu entladen drohte. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, Kanter weh tun zu wollen, um auf diese Weise eine Art Ausgleich für das zu schaffen, was er ihr angetan hatte. Aber kaum war die Idee geboren, fiel sie schon wieder in sich zusammen, als wäre sie ein Stück nass gewordenes Papier. Stattdessen drängte es sie, ihm zu sagen, dass sie glücklich sei, seine Stimme zu hören. Aber auch das vermochte sie nicht, weil sie fürchtete, ihre verletzliche Gefühlswelt zu entblößen.
Fassungslosigkeit lag in ihrem Schweigen, das zu brechen sie sich redlich mühte. Wie oft hatte sie davon geträumt, endlich seine Stimme zu hören, sicher sein zu können, dass er noch lebte! Der Stau langer Monate ließ sie aufschluchzen.
„Monsieur!“ sagte sie zum zweiten Mal, diesmal noch schwächer.
Er lachte leise und zaghaft. So klangen auch seine Worte:
„Es war mir nicht möglich, dich zu vergessen. Dabei habe ich es versucht.“
Der Telefonhörer in ihrer Hand zitterte.
„Du konntest es nicht?“
„Ich habe darum gekämpft, aber es funktionierte nicht. Wie geht es dir? Wie lebst du? Und...“
Er brach ab, war sich der stoßartig gesprochenen Worte kaum bewusst, lachte wieder. Munja erkannte seine unendliche Freude.
Sie wollte kühl und abweisend sein, ihm die kalte Schulter zeigen, um ihrem verletzten Stolz gerecht zu werden, aber ihr Verstand unterlag den Gefühlen.
„...und du willst dich entschuldigen, nicht wahr?“
„Entschuldigen? Nein, Munja, das geht wohl nicht. Ich will... ich will dir nur sagen, dass ich zurückgekehrt bin.“
Sie hielt den Atem an.
„Zurückgekehrt?“
„Ja.“
„Du bist - hier?“
Sie hatte die Worte gehört, war aber immer noch nicht in der Lage, das Unfassbare zu glauben. Und sie fragte noch einmal:
„Du rufst also nicht von Deutschland aus an?“
„Nein, ich bin seit gestern in Beirut. Allerdings auf der anderen Seite. Die Gründe dafür kennst du, nehme ich an.“
„Ja,“ sagte sie, „Maruan sprach davon. - Es tut mir sehr leid, Monsieur.“
Es war seltsam: Obwohl sie ihn sehr lange nicht gesehen, ihn aus Selbstschutzgründen aus ihrem Leben zu verdrängen versucht und zu vergessen getrachtet hatte, jetzt, nach wenigen Worten, die zudem noch über die eher distanzierende Telefoneinrichtung gesprochen worden waren, hatte sie das Gefühl, ihm niemals fern gewesen zu sein - er war ihr vertraut und so nahe, als könnten sie sich berühren. Vielleicht war es gerade die räumliche Distanz, die es ihr leichter gemacht hatte.
Munja entdeckte Pierre, der neben einem Blumenstock an der Wand lehnte und offensichtlich bestrebt war, jedes Wort mitzuhören. Das Gesicht des Jungen war verschlossen. Es strahlte ein geheimes Wissen aus, das Munja sich nicht erklären konnte.
„Am Freitag werde ich auf deiner Seite sein,“ sagte Kanter. Munja zuckte zusammen.
„Du weißt, dass du das unter allen Umständen vermeiden musst!“ gab sie heftig und in Sorge zurück.
„Ich werde da sein. Und es wäre gut, wenn ich wüsste, wo du zu finden bist. Du wohnst dauernd im Haus deiner Eltern?“
„Ja, aber... bitte, Kanter, du darfst nicht kommen!“
„Ich muss,“ sagte er.
„Ich werde dich anrufen und versuchen, mit dir zusammenzutreffen. - Es sei, du sträubst dich zu sehr.“
„Das ist es nicht, das darfst du nicht glauben! Ich will dich sehen, aber...“
Sie brach ab, weil Pierre bis auf einen Meter herangekommen war, wahrscheinlich in dem Bestreben, auch Kanters Worte zu hören, die aus der Muschel drangen. Sie deckte den Sprechteil mit einer Hand ab.
„Verschwinde, Pierre!“ rief sie wütend. „Ich finde es im höchsten Maße frech, dass du meine Gespräche belauscht!“
Der Junge zog eine Grimasse, doch er zog sich zurück. Munja nahm die Hand vom Hörer und sagte:
„Du weißt nicht, wie es hier ist, du kannst es nicht wissen. Wenn, würdest du verstehen, warum ich dagegen bin.“
„Ich kenne die Situation zu genau, Liebes,“ gab Kanter ungerührt zurück.
„Du scheinst zu vergessen, wie ich sie genossen habe.“
„Sie sind alle verrückt! Jetzt noch mehr als früher. Bitte, komm nicht! Ich werde es irgendwie möglich machen, rüber zu kommen. Es gibt Möglichkeiten, wenn nicht geschossen wird. Und das ist im Augenblick der Fall. Bitte, versprich mir, dass du nicht kommst!“
Kanter sagte, er habe seine Gründe, und es sei unumgänglich für ihn, die Reise auf die andere Seite anzutreten. Und so sehr Munja sich bemühte, ihn abzuhalten, er ließ sich nicht beirren.
Ihr Herz schlug heftig. Sie hatte Angst. Nicht um sich, sondern um Kanter, der stur wie ein Esel und uneinsichtig blieb. Sie seufzte:
„Ich kenne deine Gründe nicht,“ sagte sie, „aber ich kenne die Lage hier. Das macht mich so sicher, dass es Unheil mit sich bringt, wenn du hierher kommst. Muss das denn sein?“
„Ja, Munja.“
Es klang abschließend.
Sie gab nicht auf, erkannte aber, dass sie keinen Einfluss nehmen konnte.
„Wo wirst du zu finden sein?“ fragte sie bekümmert.
„Ich rufe dich an,“ sagte er, um dann hinzuzufügen: „Ich habe noch keine Adresse.“
„Ich werde zu Hause sein“, sagte sie. „Nur zwischen zwei und sechs nicht.“
„Du hörst von mir.“
Kanter wünschte ihr eine gute Nacht, dann legte er auf. Wie betäubt ging Munja auf die Treppe zu und wäre fast gegen ihren Vater gestoßen, der von draußen hereinkam und Pierre an seiner Seite hatte.
„Entschuldige bitte,“ murmelte sie und wollte hinauf.
Jacques Chalid hielt sie zurück.
„Mit wem sprachst du, Tochter?“
Sie hob die Brauen.
„Pierre hat also wieder geschwätzt?“
„Beantworte bitte meine Frage, Munja!“
Sie hob die Schultern.
„Ein Freund von früher. Ein Deutscher, falls dich das beruhigt, Papa.“
„Kanter heißt er!“ rief Pierre dazwischen. „Und er will herkommen!“
„Ist das wahr?“
„Nein“. gab Munja wahrheitswidrig zurück, „er hatte die Absicht, aber er wird es bleiben lassen. Wegen der Situation, Vater.“
Sie wusste nicht, warum sie log, sie wusste nur, dass sie sich um Kanter sorgte.
„Darf ich jetzt nach oben gehen?“
Jacques Chalid nickte. Aber auch er sorgte sich. Er legte einen Arm um die Schultern seines Sohnes und sagte scharf:
„Ich finde es im höchsten Maße unfair, dass du Telefongespräche belauscht, Pierre! Unterlass das in Zukunft!“
„Ja, Papa,“ sagte der Junge.
Seiner Schwester schnitt er eine Grimasse.

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Willi Voss

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