04.11.2009

"Gegner" - 11. Kapitel



















11

Donnerstag, 7 Uhr 30. Über Beirut stand in einem klaren Himmel gleißend die Sonne. Vom Meer her wehte eine recht steife Brise, die das von Granateinschlägen zerharkte Straßenstück zwischen den beiden militärischen Kontrollpunkten in einen Staubschleier hüllte. Papierfetzen flogen durch die Luft und fingen sich im Kühlergrill des grauen Dodge Taxis, das aus Richtung Freihafen über die Rue des Libérateurs, dem Kontrollpunkt der Nationalen Miliz entgegenrollte. Es war - neben dem Fahrer - mit drei Personen besetzt.

Vorne saß ein untersetzter, etwa vierzigjähriger Mann, der als Bote im Parlamentsgebäude jeden Morgen die Front passierte. Hinter ihm, die Augen geschlossen, grau im Gesicht und übermüdet, George Chehada. Er trug einen zerknitterten Kampfanzug. Die olivfarbene Bluse war geöffnet und im Ausschnitt lag das an einer schweren Goldkette befestigte Kruzifix. Neben ihm Jean Vazmaz. Er trug eine graue Hose, weiße Tennissocken, schwarze Schuhe, ein weißes Hemd und einen dunkelblauen Blazer. Zwischen den beiden Männern befand sich ein Diplomatenkoffer, in dem Akten lagen. In Jean Vazmaz' Jackett steckte ebenfalls ein Sonderausweis der libanesischen Regierung, der ihm das Recht einräumte, die Kontrollpunkte zu durchfahren. Unter ihm, im Sitz verborgen, lag ein in Fettpapier eingewickeltes, flaches Holzkästchen. Es enthielt einen Fünfhundertgrammblock TNT-Sprengstoff, der mit zwei Quecksilberzündern versehen war, die mit einer Neun-Volt-Batterie und einem Bewegungsmechanismus ausgelöst werden konnten. Die Packung reichte aus, um einen Wagen mit der Sicherheit in die Luft zu Jagen, dass keiner der Insassen überleben würde. In einem mittelgroßen Hotelzimmer zur Explosion gebracht, würde diese Höllenmaschine jeden in Stücke reißen, der sich in ihrer Nähe befand. Im Hosenbund versteckt trug Jean Vazmaz eine flache Sportschützenpistole vom Kaliber 22-long der Firma Sauer & Sohn. Sie war mit acht Hollowpoint-Patronen geladen, Geschossen, deren Hartbleiprojektile an der Kuppe eingefräst waren und sich beim Aufschlag aufpilzten. Traf ein solches Geschoss die Brust eines Menschen, war zwar das Einschussloch winzig klein, doch das Hochgeschwindigkeitsprojektil schob - weil es sich durch das Auseinanderplatzen im Querschnitt etwa verfünffachte - eine sich rasend schnell vergrößernde Fleisch- und Knochenmasse vor sich her und konnte den Getroffenen regelrecht zerreißen.

Die Aufgabe Jean Vazmaz' bestand darin, die Druckbombe in Kanters Zimmer zu platzieren, und zwar in seinem Bett. Sobald der Deutsche sich darauf legte, würde er den Zünder aktivieren und zerrissen werden. Sollte wider Erwarten dieser Plan nicht funktionieren, hatte Jean Vazmaz den Auftrag, Kanter zu erschießen.
Das Taxi stoppte vor der Sandsackbarrikade. Zwei junge Milizionäre kamen mit entsicherten Maschinenkarabinern auf das Fahrzeug zu. George Chehada schlug die Augen auf. Er beugte sich aus dem Fenster, öffnete die Wagentür von außen und ging auf die beiden Soldaten zu. Er präsentierte ihnen seinen Militärausweis. Die Soldaten salutierten.

Der Wagen passierte den Kontrollpunkt, ohne dass Vazmaz und Chehada Worte wechselten. Sie hatten während der Nacht den Plan bis ins kleinste Detail besprochen, während die dafür notwendigen Materialien vorbereitet worden waren. Chehada hatte ein Übriges getan, indem er sich für die Aktion Rückendeckung beim Obersten Sicherheitsoffizier im Beiruter Hauptquartier verschafft hatte.
Der Dodge rollte der Place des Martyrs entgegen und musste ein weiteres Mal halten, als er den stark befestigten Kontrollpunkt eines Moslemverbandes erreichte. Aber auch dort gab es keine Schwierigkeiten.

Der Wagen erreichte wenige Minuten später das Parlament, entließ den Angestellten und rollte dann in Richtung Hamra weiter. Jean Vazmaz fühlte sich sicher. Die Moslems handhabten die Kontrollen recht lasch. Die Gefahr, angehalten zu werden, war gering. Der junge Adjutant Chehadas sah auch kein Risiko darin, sich bis vor das Portal des Atlantic bringen zu lassen, zumal er das Sprengstoffpaket bereits während der Fahrt in den Aktenkoffer umgelagert hatte.

Um 9 Uhr 04 betrat er die Halle des Hotels. Zehn Minuten später befand er sich im Zimmer, das Raphael gemietet hatte. Er verlangte nach einem Whisky. Erst dann ließ er sich über Kanter und die herrschenden Bedingungen unterrichten.



Kanter wachte mit stechenden Schmerzen und einem Dröhnen im Hinterkopf auf, was er auf die bis zur Neige geleerte Flasche Whisky zurückführte. Benommen wankte er durch das Zimmer, suchte in seinem Koffer nach Alka Seltzer und ließ die Tabletten im wassergefüllten Zahnglas aufsprudeln, ehe er die Mischung trank. Er wusste, dass er in der Nacht schwere Träume gehabt hatte und mehrmals aufgewacht war. Aber an den Inhalt konnte er sich nicht mehr erinnern. Erst als der Zimmerkellner das Frühstück gebracht und Kanter die erste Tasse Kaffee getrunken hatte, fiel ihm der Traum wieder ein. Er hatte sich als Passagier in einer riesigen Verkehrsmaschine befunden und in allen Einzelheiten eine bewaldete Berglandschaft unter sich gesehen, die von unendlich langen Schneisen durchschnitten war, auf denen Truppen bewegt wurden. Er hatte gewusst, dass dort unten ein Krieg stattfand, ohne herausfinden zu können, welche Parteien sich bekämpften. Er hatte sich bemüht, gleichgültig zu sein, jedoch geahnt, dass die Kämpfe unter ihm ihn aus irgendwelchen Gründen angingen. Die Maschine hatte zu kreisen begonnen, war tiefer gegangen, die Passagiere hatten protestiert und sich im hinteren Teil der Kabine zusammengerottet, um die Crew zu zwingen, den Kurs zu ändern. Soldaten waren vom Cockpit her aufgetaucht und hatten Kanter mit Waffengewalt gezwungen, nach vorne zu gehen. Dort hatte ein kleiner Mann, in dessen Händen eine abgezogene Handgranate lag, auf einen der Pilotensitze gedeutet und Kanter befohlen, die Maschine weiterzufliegen und auf einem winzigen Buschflugfeld zu landen.

„Wir wissen, dass du fliegen kannst, wir wissen alles von dir, Kanter. Los, mach uns keine Schwierigkeiten und setz die Maschine auf den Acker!“
Er hatte sich gewehrt und darauf hingewiesen, dass er bei der Luftwaffe in der Tat geflogen sei, aber völlig andere Typen, Kampfmaschinen, die keinen Vergleich mit diesem riesigen Verkehrsflugzeug gestatteten.
„Ich bin absolut unfähig, eure Befehle auszuführen. Ich werde die Kiste zerschmettern!“
Die Männer waren uneinsichtig. Sie hatten ihn auf den Sitz gezwungen und vor die Alternative gestellt, zu fliegen oder erschossen zu werden. Er hatte schließlich den Versuch unternommen und zum Landeanflug den Autopiloten abgestellt. Er erinnerte sich, wie er in Schweiß gebadet war. In Bächen war das Wasser über sein Gesicht geflossen und hatte ihm die Sicht geraubt. Unter Aufbietung aller Kräfte hatte er versucht, den Riesenvogel unter Kontrolle zu bringen - ohne Erfolg. Die Maschine hatte sich auf die Seite gelegt und war dann ins Trudeln geraten.
„Ihr seht, ich kann 's nicht!“ hatte er die Männer angeschrieen, die seltsamerweise still vor sich hingelächelt hatten.
Kurz vor dem Aufschlag der Maschine war Kanter erwacht. Schweißgebadet. Nur schwer hatte er wieder einschlafen können, um dann erneut diesen Traum zu durchleben.
Sein Kopf dröhnte noch immer. Er atmete schwer, trank seine zweite Tasse Kaffee, dann den frisch gepressten Orangensaft. Appetit hatte er keinen. Er ließ die Croissants, das Spiegelei und den Naturreis stehen und schlurfte ins Bad, um zu duschen.
Er vergaß den Traum wieder. Vor sich wusste er einen langen und auch anstrengenden Tag. Mit Maruan, den er um zwölf Uhr sehen wollte, würde er jede Einzelheit der Aktion noch einmal durchgehen. Außerdem wollte er sich mit den Waffen vertraut machen, auf die er sich drüben in Kisseruan verlassen musste. Am Abend wollte er dann bezahlen und am Freitagmorgen das Hotel verlassen.
Er kleidete sich an und dachte an Munja.
Jedes der Worte, das sie am Telefon gesprochen hatte, kehrte in seine Erinnerung zurück. Das Kopfdröhnen ließ nach, und auch die stechenden Schmerzen waren weg.
Sie war verdammt besorgt um dich, dachte er erfreut, sie hat
dich keinesfalls vergessen, und wenn sie diesen Bengel mit dem reichen Vater um sich haben sollte, werde ich ihm ein paar Ohrfeigen verpassen und ihn nach Hause schicken. Verdammt, er soll nur seine schleimigen Finger von ihr lassen!
Er war plötzlich in fast ausgelassener Stimmung. Sein Gesicht hatte die harten, düsteren Züge verloren, wirkte weicher und deshalb einnehmender.
Was für eine Frau! Und wie sie es aufgenommen hat, dass du plötzlich in der Leitung warst! Keine Anklage - nichts. Sie hat sich gefreut. Kein Geschwätz und kein Gezeter. Sie hat Rasse, und sie verfügt über einen Kopf. Sie liebt dich, sie liebt dich, Mann!
Liebt sie dich?
Mein Gott, in deinen Händen ist sie zur Frau erwacht, bei dir hat sie erfahren, was es bedeutet, einen Körper zu haben, geliebt zu werden, sie hat gespürt, dass sie Persönlichkeit besaß, eine, die ernst, ja wichtig genommen wurde.
Kann eine Frau das vergessen? Kann sie vergessen, wo sie zum Leben erwacht ist?
Er ging der Frage nicht weiter nach, weil er sich schlagartig mit einer neuen, gewichtigeren konfrontiert sah: Er wusste nun, wo Munja zu finden war, und es sah so aus, als würde es auch zu einem Zusammentreffen kommen. Nur, was würde dann geschehen?
Bisher war er - wenn auch unbewusst - davon ausgegangen, dass er sie finden, überzeugen und mit ihr zusammen sein würde. Konnte das aber verwirklicht werden? War sie überhaupt bereit dazu?
Sie lebte in Kisseruan, dem christlich beherrschten Landesteil, in dem er sich auf keinen Fall niederlassen konnte. Ein Wechsel in den moslemischen Bereich war für sie undenkbar, musste sie erschrecken. Sie würde ihn ablehnen. Kanters gute Stimmung verflog wie Äther auf heißem Stein. Schmerzhaft die Erkenntnis, dass die politische Lage zwischen ihnen stand und ein Zusammensein verhindern konnte. Insgeheim hatte er nach dem Gespräch gehofft, der Zustand, der vor ihrer Trennung bestanden hatte, könnte sich wieder herstellen lassen. Wohnen und leben im westlichen Teil der Stadt, hier arbeiten, hier lieben, hier all das vergessen was gewesen war.
Er wusste jetzt, dass die Vorstellung falsch gewesen war. Seine eigene Position war keinesfalls gesichert. Man begegnete ihm mit Misstrauen, hielt ihn - zumindest - für einen obskuren Ausländer, dessen einstige Beziehungen zu Einfluss und Macht ihn zu einem Verdächtigen machen mussten. Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis er wieder in Schwierigkeiten steckte. In einen Strudel der Anschuldigungen, Mutmaßungen und Anklagen hineingeriet, aus dem es kein Entrinnen geben würde. Ein Mann hat nur selten zweimal eine Chance...
Und wäre Munja bereit, das Land zu verlassen? Nach Europa zu gehen?
Würde man es ihr gestatten?
Und wenn sie dazu bereit wäre, und wenn sich ein Weg finden ließe, könnte sie unter vollkommen anderen Bedingungen in Europa, in Deutschland leben?
Kanter spürte seinen Körper. Ihm war, als schnürten ihn starke Stricke ein, pressten seinen Brustkorb zusammen und drohten ihn zu ersticken. Er stand auf, lief im Zimmer auf und ab, rauchte in wilder Hast zwei Zigaretten, ehe er sich entschloss, das Zimmer zu verlassen. Er brauchte Luft, Licht, die Wärme der Sonne, er brauchte Raum und Weite.
Er vergaß, den Schlüssel an der Rezeption abzugeben. Unwillkürlich suchte er nach den PLO-Schatten, ohne sie zu entdecken. Der Fiat, sein ständiger Begleiter, sobald er das Hotel verlassen hatte, war auch nicht an Ort und Stelle. Flüchtig der Gedanke, die Männer könnten die Beobachtung eingestellt haben.
Er überquerte die Straße und überstieg auf der anderen Seite die niedrige Barriere, die den Bürgersteig vom Küstenhang trennte. Er stieg den Steilhang hinab und kletterte auf den Felsen dem Meer entgegen, dessen Brandung die Luft erzittern ließ. Das Meer war grünlichblau. Dunkel hoben sich die Konturen eines Bootes ab, das scheinbar ohne Antrieb auf den Wellen tanzte. Möwen glitten durch die frische Luft. Der seewärts gehende, recht heftige Wind zerrte an Kanters Kleidern. Auf einer grauen Felsklippe blieb er stehen und blickte hinab in die Gischt, die Dosen, eine armlose Plastikpuppe und ein Ölfass gegen das felsige Ufer schleuderte. Tief sog er die jodhaltige Luft in die Lungen. Er streckte die Arme. Und es war, als riefe er die strahlende Sonne an.
Seine Sorge milderte sich nicht.
Er setzte sich in Bewegung, kletterte über Felsen und Schründe, durchmaß Gras bewachsene Flächen und sah sich unversehens vor einem Steilhang, der weglos war. Er schob die Hände in die Taschen seiner hellen Lederjacke, ertastete Zigaretten und zog sie hervor. Gut fünf Meter unter ihm tobte die Brandung. Felsen wurden vom schaumigen Wasser umspült, das sich im Laufe der Zeiten tief in das Ufer eingefressen hatte. Er sah den sandigen Grund, der von unzähligen schwarzen Punkten bedeckt war. Seeigel, an deren köstlichen Geschmack sich Kanter jäh erinnerte.
Er schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Das erste Streichholz erlosch in der Brise. Er probierte das zweite, als er den jungen Mann zwischen den weißen Felsen am oberen Hang auftauchen sah.
Der Schwefel zischte auf, die sprühende Glut fraß sich in das Holz und entzündete es. Kanters Augen wurden schmal. Der junge Mann kam zielstrebig auf ihn zu. In der rechten Hand hielt er einen schwer zu erkennenden Gegenstand.
Kanter roch die tödliche Gefahr.
Er verharrte reglos. Das Streichholz erlosch. Der Mann umrundete einen Felsen, verschwand für Augenblicke dahinter. Als er wieder auftauchte, erkannte Kanter, was er in seiner Hand hielt: Es war eine Pistole.


Um 10 Uhr 11 hatte das Telefon im Zimmer 146 geläutet, und Raphael hatte abgenommen. Ohne ein Wort zu sagen, hatte er wieder aufgelegt und Jean Vazmaz zugenickt.
„Er ist nach unten gegangen.“
Jean Vazmaz hatte seine Zigarette gelöscht, einen Schluck aus dem Whiskyglas genommen und in befehlendem Ton gesagt: „Geh ihm nach und sag deinem Mann in der Halle, dass er ihm folgen soll. Häng das Schild an seine Tür und lass den Schlüssel hier. Dann ruf an, was ist.“

Raphael war hinausgegangen, hatte die Pappkarte mit der Aufschrift „Bitte nicht stören“ an den Drehknopf der Tür zu Kanters Zimmer gehängt und war über die Treppe nach unten gegangen. Sein Partner, Charles Ijune, am Vortag zwanzig Jahre alt geworden, hatte am Portal gestanden und mit dem Kinn auf Kanter gedeutet, der gerade die andere Straßenseite erreichte.
Sie hatten beobachtet, wie der Deutsche die Barriere überwand und untertauchte. Charles war ihm nachgegangen und nach drei Minuten zurückgekehrt.
„Er geht zum Meer.“
„Bleib dran und melde, sobald er wieder auftaucht. Klar?“ Raphael war in eine der Telefonzellen gegangen und hatte Jean Vazmaz über den Stand der Dinge informiert. Vazmaz hatte ihn aufgefordert, wieder nach oben zu kommen.
Gemeinsam hatten sie das Zimmer Kanters betreten und von innen abgeschlossen, ohne das Schild von der Tür zu nehmen. Als Vazmaz das ungemachte Bett sah, wusste er, dass er einen entscheidenden Fehler begangen hatte.
„Wenn ich die Packung jetzt einbaue, wird das Zimmermädchen in die Luft fliegen,“ sagte er wütend. „Verdammt, wir müssen warten, bis die hier aufgeräumt haben.“
„Wir können es machen, Jean! Wer auch immer aufräumt, wird glauben, der Deutsche habe die Nacht woanders verbracht.“
„Gut.“
Sie hatten das Bett abgezogen. Vazmaz hatte die Matratze genau in der Mitte aufgeschlitzt, die Füllung herausgenommen und die Sprengbombe eingebaut, ehe er den Zünder installierte. Er hatte das Kabel an den Zünder und dann an die Batterie geschlossen, um dann aufatmend zu sagen:
„Das Ding ist höllisch empfindlich. Drei Kilo Druck und wir fliegen bis ins Meer. Vorsicht also.“
Es war 10 Uhr 30, als sie das Bett gemacht hatten. Eine Minute später waren sie vor der Tür. Raphael hatte das Schild an sich genommen und war in die Halle gegangen. Jean Vazmaz hatte sich auf das Zimmer zurückgezogen, ohne mit seiner Arbeit zufrieden zu sein. Er hatte sich vorgeworfen, voreilig gehandelt und damit den Erfolg gefährdet zu haben. Sollte - aus welchen Gründen auch immer - der Deutsche mit dem Leben davonkommen, würde man ihm, Vazmaz, die Verantwortung dafür aufbürden. Die Dinge standen aber so, dass ein Erfolg der Operation nicht gewährleistet war.
Raphael hatte angerufen und mitgeteilt, Kanter sei noch immer am Meeresufer. Allein.
Vazmaz wollte die Chance nutzen. Er hatte das Zimmer verlassen und war den Spuren Kanters gefolgt. Er hatte sich entschlossen, ihn zu erschießen.


Jean Vazmaz blieb zwischen zwei Felsen stehen. Gut dreißig Meter trennten ihn von dem Deutschen, dessen Gesicht hart und trotzig wirkte. Die hellen Augen bildeten einen starken Kontrast zur braunen Haut des Gesichtes und dem silbrig glänzenden Haar. Er stand vorgebeugt, als erwarte er einen Schlag. Seine Lippen bildeten einen dünnen Strich. Es sah nicht aus, als wäre Furcht in ihm.
Vazmaz' Blicke wanderten kurz in Richtung Uferstraße ab, huschten über die immer wieder von Lücken unterbrochene Linie der Gehsteigabgrenzung, kamen zurück und fixierten Kanter, der sich noch immer nicht bewegte.
Sie waren allein.
Vazmaz hob die Pistole. Der Kopf des Deutschen wanderte ins Diopter-Visier, um plötzlich nach oben zu verschwinden, als der Libanese die Waffe senkte. Das offene Hemd unter der Lederjacke. Die behaarte Brust.
Vazmaz nahm den Schlaghammer zurück.
Der Lauf der Waffe wackelte. Als befände er sich auf dem Schießstand, atmete der junge Mann langsam aus. Der Lauf beruhigte sich.
Vazmaz spürte den leichten Widerstand, als der Abzugsbügel den Druckpunkt erreichte.
Wie ein dummer Ochse ist er, stellte er ungerührt, wenn auch mit Genugtuung fest.
Kanter bewegte sich.
Vazmaz zog durch. Die Waffe bäumte sich in seinen Händen auf, der Lauf schien das sich plötzlich bewegende Ziel magnetisch anzuziehen und verfolgte es.
Kanter lief geduckt auf Vazmaz zu.
Er hatte den Knall gehört, aber die Kugel nicht gespürt. Er
sah den Schützen und den Abgrund, in dem das Meer gischtete und die Wellen aufbrandeten.
Vazmaz schoss zum zweiten Mal. Die Kugel klatschte dicht neben Kanter gegen einen Felsen und ließ das spröde Gestein auffliegen. Der Abschussknall rollte an den Wänden der Steilküste nach.
Hört das denn niemand?
Kanter tauchte hinter einem mannshohen Felsen unter, als die dritte Kugel pfeifend über ihn hinweg strich.
Er warf sich auf die Knie. Ein spitzer Stein zerschnitt seine Hose und grub sich in seine Haut. Schmerz spürte er nicht. Das Meer war laut und wild.
Er blickte sich um. Zwei Meter hinter ihm der jähe Riss in der Hanglandschaft. Die Weite des Meeres. Verzweifelt versuchte Kanter sich zu erinnern, ob es diese Stelle gewesen war, an der das Wasser klar und tief erschien. Er wusste, dass er hinunter springen musste. Oder der Mann würde ihn töten. Er hob den Kopf, tauchte jäh hinter dem Felsen auf und suchte nach der Gestalt des Killers.
Vazmaz lief. Die Waffe hielt er mit beiden Händen. Er lief dem Felsen entgegen, hinter dem Kanter Deckung gefunden hatte.
Vielleicht zwanzig Meter, eher weniger, stellte der Deutsche fest. Sekunden nur, dann musste der noch junge Mann heran sein. Er würde schießen und töten.
Vazmaz verharrte.
Kanter zog den Kopf ein. Über ihm radierte die Kugel den Felsen und stieg surrend in den Himmel. Kanter schrie, als könnte seine Stimme Menschen und somit Hilfe herbeirufen. Aber die Schreie waren wie Geflüster und gingen im Rauschen des Meeres unter.
Vazmaz sprang über einen dornigen Strauch und riss sich dabei die Hose auf. Er dachte daran, dass nur noch vier Patronen im Magazin der Waffe steckten. Er begann sich Sorgen zu machen, ob sie zum Töten des Deutschen ausreichten, der - so sah es aus - unbewaffnet war. Er hörte die Schreie seines Opfers, und über seine Lippen huschte ein Lächeln. Sichernd blieb er stehen. Er ahnte, dass der Deutsche in seiner Not einen Ausbruch wagen würde, der - welche Wahl blieb ihm? - in südlicher Richtung, nach dort, wo das Hotel stand, erfolgen würde. Vazmaz blieb stehen. Die Pistole hielt er schussbereit in beiden Händen, der Schlaghammer war gespannt. Es bedurfte nur eines leichten Ziehens, um ihn auf die Handfeuerpatrone hacken zu lassen. Sollte er noch einmal auf den Felsen schießen, hinter dem sich Kanter verbarg, um ihn aufzujagen? Und dann, wenn er, von Panik ergriffen, die Flucht versuchte, die restlichen drei Projektile in ihn hinein pumpen?
Vazmaz atmete flach. Seine Stirn furchte sich. Die Bewegungslosigkeit des Deutschen gefiel ihm nicht. War der Mann vielleicht doch bewaffnet? Wartete er lediglich auf seine Chance?
Er schob sich weiter, trat auf Geröll, das sich unter seinen Sommerschuhen löste und hangabwärts polterte.
Kanter kauerte hinter dem großen Stein, versuchte, den Kil1er zu hören, begriff aber angesichts des Klatschens der Brandung, dass das unmöglich war. Er blickte zurück und versuchte, das Meer direkt unterhalb des Abgrundes zu erkennen. Ohne Erfolg. Er prüfte die Höhe der Deckung. Ihm wurde klar, dass sein Oberkörper ungedeckt sein würde, sobald er sich aufrichtete. Ein nicht zu verfehlendes Ziel für den Mann, der irgendwo über ihm auf eine Schussmöglichkeit lauerte.
Du musst springen! schrie es in ihm, während seine Hände sich in den rauen Stein krallten. Das Wasser ist deine Chance... Du musst versuchen, soweit wie möglich abzukommen. Je weiter du hinausfliegst, desto größer ist die Aussicht, in tieferes Wasser einzutauchen, Aber auch die, dass der Killer dich mit einer Kugel erwischt.
Er sah keine Alternative. Der Gedanke, mit einem Stein gegen den Mann mit der Pistole anzugehen, war zu verwegen und lächerlich, als dass er ihn ernsthaft prüfte. Er maß die Distanz bis zum Abgrund. Kaum zwei Meter. Er duckte sich zum Sprung. Und dann federte er ab. Sein Körper schnellte nach vorn, hob sich. Der erste Schritt, der zweite. Er sah die wild bewegte Fläche des Meeres, erkannte wie in einem aufgrellenden Blitzlicht den sandigen, Seeigel übersäten Grund und wusste, dass er sehr flach aufkommen musste, wollte er verhindern, dass sein Körper dort unten zerschlagen wurde. Seine Füße stießen vom Rand des Steilhanges ab und gaben seinem Körper Schwung. Mit rudernden Armen versuchte er, die Flugrichtung so flach wie möglich zu halten, raste dem gischtenden Wasser entgegen und schrie wieder, als könnte er damit gute Geister rufen, die ihm ein Überleben schenkten.
Hinter ihm bellte scharf die kleinkalibrige Sportpistole Vazmaz' auf. Die Kugel schrammte über den rechten Schenkel Kanters und riss eine Furche ins Fleisch. Der Killer begann zu laufen, um den Abgrund zu erreichen.
Kanter schlug auf. Kälte umschloss ihn. Seine zu Fäusten geballten Hände gruben sich in weichen Sand, stießen auf harten Widerstand und knickten ein. Das linke Knie schlug hart auf den Grund.
Ein jäher Schmerz durchraste den Körper. Er spürte den Auftrieb, begann mit mächtigen Bewegungen nach links zu schwimmen, den braunen Felsen der Küste zu.
Vazmaz erreichte gut sechs Meter über ihm den Felsen, hinter dem Kanter zuerst Schutz gesucht hatte. Er umrundete ihn, stieg auf einen zweiten, glitt daran ab und geriet ins Straucheln. Er fiel und schlug auf Geröll. Er rollte sich ab und kam wieder hoch. Dabei glitten seine Blicke über den Hang. Er sah die Rückwände einiger Verkaufsstände, die sich schwarz gegen den blauen Himmel abzeichnende Trottoirbarriere und die beiden Soldaten, die wie Statuen reglos verharrten.
Gehörten sie zu der Panzerbesatzung, die vor dem Hotel Wache hielt? Waren sie durch die Schüsse aufmerksam geworden? Wahrscheinlich, dachte Vazmaz, dessen Begierde, Kanter tot auf den Klippen zu finden, größer als seine Bedenken waren.
Vorsichtig näherte er sich dem Abgrund, sah das wild bewegte Meer, die Brandung, die hoch aufschäumte, Gestein, das in der Sonne nass glänzte und von braungrünen Algen bewachsen war.
Er beugte sich weiter vor, um die Fläche unterhalb seines Standortes einsehen zu können. Unter seinen Schuhen löste sich Erde. Sie fiel hinab. Die Brauen des Mannes zogen sich zusammen. Wo war Kanter?
Durch das Getöse der Brandung erklangen Rufe. Vazmaz missachtete sie. Er beugte sich noch weiter vor. In der aufschlagenden Flut tanzten Hölzer, Plastikbehälter, ein Palmzweig und ein Fass.
Wo ist der verdammte Deutsche?
Die Bucht war unterspült. Von seiner Position aus war Vazmaz nicht in der Lage, die gesamte Fläche unter sich einzusehen. Er rechnete damit, dass Kanter im toten Winkel lag. Er wandte sich nach rechts, lief über den ausgetretenen Pfad und hielt erst an, als er vor der steil aufragenden Felswand stand, die ein Weitergehen unmöglich machte. Er trat auf einen vorspringenden Felsen und spähte hinab. Er sah das Ufer, die braungelben Wände oberhalb der Wasserlinie.
Nur Kanter war nicht zu entdecken. War der Deutsche unter das ausgehöhlte Ufer gespült worden? Oder hatte er den Sturz überlebt?
Die Augen Vazmaz' wurden schmal. Meter um Meter der Uferzone suchte er ab. Und dann entdeckte er die Beine des Deutschen, der Schutz unter einem überhängenden Felsen gefunden hatte.
Vazmaz richtete seine Waffe.
Ein Schuss bellte auf. Erneut drang die scharfe Stimme an sein Ohr.
Er wandte sich um.
Oben an der Straße stand Raphael und ruderte wild mit den Armen. Über den Hang lief ein syrischer Soldat. Ein zweiter kniete etwa zwanzig Meter tiefer neben einem weißen Felsen und hielt seinen Maschinenkarabiner im Hüftanschlag. Er brüllte einen Befehl, wiederholte ihn, als der Libanese sich nicht rührte:
„Die Pistole wegwerfen!“
Vazmaz begann zu laufen. Er versuchte, im Gewirr der Felsen unterzutauchen und das Steilufer hinter sich zu lassen. Er stieß gegen einen Stein, strauchelte und hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten.
Der Soldat feuerte.
Die ersten Kugeln trafen Vazmaz in den Unterleib, weitere zerrissen seine Brust. Er verlor seine Pistole, flog wie von einer Riesenhand getroffen dem Abgrund entgegen. Lautlos fiel er hinab und prallte auf die von der Brandung überspülten Steine. Seine Beine zuckten. Dann lag er still.
Das Wasser färbte sich rot.


Die Kälte fraß sich mit spitzen Zähnen in Kanters geschundenen Körper. Er verharrte regungslos. Minute um Minute verstrich, während die Wellen immer wieder anbrandeten, ihn überspülten und ihm den Atem nahmen. Kanter stieß mit dem Kopf gegen die scharfen Zacken des überhängenden Felsufers. Seine Hände krallten sich in die Risse des Gesteins, die Beine pendelten im Wasser, während die Kleidung ihn abwärts zog.
Wo war der Killer?
Er ahnte es noch nicht einmal. Er wusste nur, dass er keine Ewigkeit ausharren durfte. Er warf kurz einen Blick nach oben. Verschwommen die Küstenlinie. Wasser überspülte ihn. Er schob sich wieder zurück, geriet in eine Welle und schluckte das bittere Wasser.
Warten. Dann ein neuer Versuch. Er bemerkte die Soldaten, die nach unten starrten, tauchte rasch wieder weg. Er wagte kaum zu atmen. Ihn wunderte nur, dass jetzt auch Uniformierte nach ihm suchten. Warum?
Die Antwort fand er nicht. Regungslos verharrte er in seinem Versteck, spürte, wie die Kälte des Wassers seine Muskeln lähmte. Seine Augen brannten. Plötzlich fiel ihm ein, dass er eine Uhr hatte; er nahm den Arm hoch und stellte fest, dass es 11 Uhr 50 war.
Von seinem Standort aus konnte er nur einen kleinen Ausschnitt der Bucht übersehen, eine bizarre, Algen überwachsene Felsenwelt, die vom Meer umtost war. Zur See hin nahm die Tiefe zu. Der überhängende Felsen endete nach etwa zwei Metern. Er hangelte sich bis zum äußersten Punkt vor und versuchte, sich zu erinnern, wie diese Stelle ausgesehen hatte. Vergeblich.
Vorsichtig schob er den Kopf ins Freie. Die Sonne blendete ihn. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was sich oben am Ufer tat. Der Rücken eines Soldaten, der zur Straße blickte, wo sich eine Menschenmenge versammelt hatte. Kanter sah seine Chance. Und er nutzte sie. Er hielt sich dicht am Uferfelsen und schwamm unter Wasser dem offenen Meer entgegen. Nach etwa fünf Metern trat der Felsen jäh zurück und bildete einen tiefen Einschnitt. Kanters Lungen schienen zu platzen. Er tauchte auf, sog gierig Luft in sich hinein, während er sich orientierte.
Vor ihm das offene Meer. Hinter ihm ein von überhängenden Felsen geschützter sandiger Uferstreifen, der mit Unrat übersät war. Der Platz konnte vom Ufer nicht eingesehen werden. Kanter schwamm darauf zu, spürte Grund unter seinen Füßen und kroch an Land. Sein Gesicht sank in den Sand. Sein Atem ging keuchend. Er war fix und fertig und streckte sich wie nach einem unendlich langen Geländelauf. Das Meer umspülte seine Beine. Die Sonne wärmte seinen Rücken. Kanter kroch weiter und presste sich an den Felsen, während er daran dachte, dass Maruan wartete.
Was mag geschehen sein, fragte er sich. Warum dieser mörderische Angriff auf ihn? Wer stand dahinter? Eindeutig, dass der Killer ein Zivilist gewesen war. Wieso aber wurde er von Uniformierten unterstützt? Unendlich viele Fragen, aber keine Antworten. Nur so viel schien ihm sicher zu sein: Er durfte nicht zurück ins Hotel.
Er wartete Stunde um Stunde. Gegen drei hörte er das Tuckern eines Motors und entdeckte wenig später ein grau gestrichenes Landungsboot, das von vier Soldaten besetzt war. Es fuhr in die Felsenbucht und blieb dort bis 16 Uhr. Stimmen klangen durch das Gebrüll der Brandung, bis schließlich das Boot wieder dem offenen Meer entgegenfuhr, um nach etwa hundert Metern in Richtung Raouché abzudrehen. Stille trat ein.
War die Suche nach ihm eingestellt worden?
Kanters Magen rebellierte. Er hatte Hunger, sehnte sich nach einer Zigarette. Er schlief ein und erwachte erst, als die Kälte wieder nach ihm griff und eine Verkehrsmaschine der Middle East Airlines mit heulenden Triebwerken über ihm zur Landung auf dem Flughafen von Khaldé ansetzte.
Es war 21 Uhr 10.
Die Dunkelheit hatte sich herabgesenkt. Auf dem Meer tanzten einige Lichter. Kanter vermutete Fischerboote, die mit Laternen im Heck auf dem Wasser trieben, um den Fisch anzulocken. Er richtete sich auf. Seine Glieder schmerzten. Blass der abnehmende Mond. Kanter tastete sich ins Wasser, schwamm ins Meer und hielt sich in südlicher Richtung. Nach etwa fünfzig Metern fand er einen Punkt, an dem er an Land gehen konnte. Er verharrte zwischen Felsen und witterte in die Nacht.
Auf der Straße oben Menschen und Fahrzeuge. Er stieg höher, schritt den Lichtern im Süden entgegen und wagte sich erst auf die Straße, als er den langen Sandstreifen der Popular Beach erreicht hatte.
Eine endlose Reihe von Militärfahrzeugen donnerte über die Straße. Auf den Ladeflächen dunkel die unförmigen Gestalten von Soldaten. Kanter entschloss sich, ein Taxi anzuhalten und zu Maruan zu fahren. Nasses Geld fand er in seiner Hosentasche. Und einige Minuten später ein Taxi, dessen Fahrer offenbar den Zustand des Deutschen übersah. Oder übersehen wollte.


„Himmel,“ stieß Maruan überrascht hervor. Und dann noch einmal: „Himmel.“
Er zog Kanter in die Wohnung, hielt seine Hand und drängte ihn in den Salon.
„Es war ihnen nicht klar, ob er dich erwischt hatte, sie haben nach deinem Kadaver gesucht und geglaubt, das Meer habe dich erfasst und hinausgezogen und den Fischen zum Fraß serviert. Sie haben mir den Hurensohn gezeigt, der zwischen den Felsen krepiert ist, und ich habe ihnen gesagt, dass du es nicht bist. Wir standen vor einem Rätsel, Mann. Nun - du lebst, wie es scheint, aber du damned son of a bloody bitch wirst sterben, wenn du dir nicht endlich die Eier trocken legst. Wo hast du Hurensohn nur gesteckt?“
„Wovon sprichst du?“ fragte Kanter verblüfft.
Maruan schlug die Hände ineinander.
„Ich spreche von dir, Kanter, und davon, dass du es irgendwie überlebt hast. Willst du behaupten, keine Ahnung zu haben, dass er dich umbringen wollte?“
„Der? Die, Mann! Es war eine verdammte Meute!“
Maruan setzte sich.
„Gefunden haben sie einen. Und den hatte einer der Jungens vorher in die Hölle geschickt. - Wer noch?“
„Die Uniformierten, Maruan. Was war los?“
Maruans Brauen zuckten nach oben. Er schüttelte den Kopf. „Die Syrer haben zum ersten Mal, seitdem sie hier sind, richtig geschaltet, Kanter. Die haben dir den Typ vom Hals geschossen. Begreifst du?“
„Ich hab' geschrieen.“
„Und die haben draufgehalten. Du siehst, alles hat seine Ordnung. Ich schlage vor, du steigst unter die Dusche, während ich versuche, Kleider für dich aufzutreiben.“
„Wer steckt dahinter?“ Drängend die Stimme Kanters.
„Die PLO-Typen? Komischerweise waren die nicht zu sehen, als ich das Hotel verlassen habe.“
„Nein, die nicht. Dein Mann kam von drüben.“ Kanter schluckte. „Von drüben? Du meinst..
„Ja.“
„Dass die mich aufgespürt haben?“
„Was sonst?“
Kanter rieb sich die noch immer brennenden Augen. „Das hieße ja, die wüssten genau Bescheid, Maruan!“
„Die wussten, dass du hier bist.“
„Und schicken einfach so einen Killer?“
„Ein Motiv werden die gehabt haben.“
„Aber welches? Und woher haben sie die Informationen?“
Maruan spürte das jäh erwachte Misstrauen des Deutschen. Er zog eine Havanna aus der Tasche und bot sie Kanter an. Der schüttelte den Kopf.
„Woher wussten sie es, Elam?“
„Du musst dich mit den Tatsachen abfinden, Kanter!“
„Was für Tatsachen? - Hast du . .
„Schlag dir das aus dem Kopf, mein Junge! Oder geh zum Teufel!“
Maruan erhob sich abrupt. Seine Hände waren geballt. Er lief zum Fenster, kam zurück und blieb vor Kanter stehen, dessen Augen schmal geworden waren.
„Lösche sie aus, diese jämmerlichen Gedanken, Deutscher! Du entwürdigst dich, wenn du glaubst, ich könnte meine Hand im Spiel gehabt haben, ich... ich... so geh doch zum Teufel, so geh doch!“
Die letzten Worte hatte er hinausgeschrieen. Sein Mund zuckte.
Kanter senkte den Kopf. Er fühlte sich plötzlich elend. Er streckte die rechte Hand aus und berührte Maruans Schulter. „Entschuldige“, bat er leise.
„Du solltest dich endlich duschen, Kanter!“
„Okay, okay.“ Er zog ein nasses Geldbündel aus der Hosentasche und reichte es Maruan.
„Ich habe Größe 52 mit besonders langen Beinen.“
Der kleine Mann lächelte. Wortlos drehte er sich ab und verließ die Wohnung. Kanter betrat das Bad und drehte den Heißwasserhahn auf.

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Willi Voss

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