13.12.2009

"Büchernachlese" (U. Krager) über "Pforte des Todes"

"Noch ein Krimi aus dem Hause Pendragon - spannend bis zur letzten Seite, meldet sich Willi Voss mit Pforte des Todes als Buchautor zurück.
Schlimm genug, dass der verbrannte Leichnam am Kaiser-Wilhelm-Denkmal sich jeder Erklärung für die Ursache der Verbrennung entzieht, für das dem Toten beiliegende Medaillon gehen die Mitglieder einer Sekte sowie Spürhunde des Vatikans notfalls über weitere Leichen - und der Oberstaatsanwalt kann Hauptkommissar Reineking sowieso nicht leiden.
Ein Westfalen-Thriller, der mit überzeugendem Aufbau, eingängigen Charakteren, für das Genre ungewöhnlich geschliffener aber keineswegs überzogener Sprachgestaltung und einem auch am Schluss verbleibenden Restgeheimnis sämtliche regionalen Grenzen sprengt."
Ulrich Krager
Büchernchlese, Berlin

12.12.2009

Es gibt noch Leser

Kommentar zur "Pforte des Todes" auf der Krimi-Couch: (Krimi-Couch.de)

"Lieber Jochen, Danke für diese sehr informative Rezension. Ich bin wie Du der Meinung, dass man sich bei diesem außergewöhnlichen Roman wirklich "nicht vom Mystery-Teil täuschen lassen" soll, aber Deine Annahme, es gehe darin nur "um kleinliche und allzu menschliche Beweggründe wie Machtverlust, Neid, Bewahrung des Status Quo und schlichte, alltägliche Gewalttätigkeit", wird in meinen Augen der Geschichte nicht ganz gerecht.
Nachdem ich mehrere Kommentare und daraufhin das Buch zum zweiten Mal
gelesen habe, bestätigt sich mein Eindruck, es mit mehr als einem
„Thriller“ zu tun zu haben.
Dieses Mehr findet man zwar nicht sofort in dem zugegebenermaßen sorgfältig
recherchierten und sehr spannend aufgearbeiteten Stoff. und seinem
kunstvoll komponierten Handlungsverlauf. Aber es offenbart sich ganz eindeutig in den Figuren selbst, die - so oder so - im Spannungsverhältnis des Sinns oder Unsinns der
Religionen stehen. Deshalb sehe ich das Mystery-Element des Romans als
geglückten Versuch den Leser mit der Gefahr des Sektenunwesens und der spannenden Frage nach der Verführbarkeit durch Glauben zu konfrontieren. Dabei bleibt es dem Leser trotzdem selbst überlassen, ob er diesen Roman als reinen Thriller genießt, oder dieses zum Nachdenken anregende "Mehr" als Auseinandersetzung mit Glaubensfragen aufnimmt.
Insoweit, glaube ich, ist es dem Autor mit diesem Roman gelungen, etwas Neues in die Welt des Krimis zu setzen.
Liebe Grüße,
Piatee"

08.12.2009

Noch ´ne Premiere




















zu beziehen über:
www.utafahrenkamp@t-online.de



Lesung zu Ehren Ulrich Reinekings am 5. 12. 2009 in Rinteln

So, auch sie ist nun Geschichte, die von der Schaumburger Zeitung und buch + wein organsierte Lesung im Gemeindesaal der reformierten evangelischen Kirche in Rinteln. Trotz grottenschlechtem Wetter und konkurrierenden Veranstaltungen wie Weihnachtsmarkt, Feuerwehrfest und Sportschau kam dann doch eine erkleckliche Zahl von Besuchern, um dem Autor (und mit ihm dem verstorbenen Namensgeber des „Pforte“-Kommissars Ulrich Reineking) Ehre zu erweisen. Pfarrer Heiko Buitkamp, mit einer Bierflasche in der Hand Nähe zu Uli Reineking demonstrierend, eröffnete die Lesung mit einfühlenden Worten über den Verstorbenen und der Vorstellung des Autors, der sich sich bang fragte, ob denn sein Roman, mit dem er einerseits den harten Polizeialltag in der Provinz und andererseits das Problem „Verführung durch Glauben“ thematisiert, im Kreis der offensichtlich nicht kirchenfernen Gäste Unverständnis oder gar Protest hervorrufen würde. Klar war, es bedurfte ( und bedarf ) einer Einführung. Hier ist sie:

Dass dieser Roman geschrieben wurde, hat drei Gründe. Der erste ist eine nie vergessene schaurige-schöne Geschichte, die meine Mutter mir vor etwa fünfzig Jahren erzählte. Sie handelt von einem ostpreußischen Schäfer, der angeblich durch rituelle Opferung jungfräulicher Mädchen mit jenseitigen Mächten in Verbindung treten konnte.

Der zweite Grund ist ein verstörendes Erlebnis, in das ich durch eine von einer scyntologieähnlichen Sekte fast zugrunde gerichteten Osnabrücker Industriellenfamilie geraten bin. In seiner Not wandte sich eines ihrer Mitglieder mit der Bitte an mich, über die menschenverachtenden Praktiken der Sekte zu berichten, um so Öffentlichkeit herzustellen und über sie die Behörden aufmerksam zu machen.

Gewohnt, den Dingen auf den Grund zu gehen und mit der Absicht, verwertbare Beweise zu sammeln, schleuste ich mich mit Elektronik verdrahtet in die als Seminar- und Coachingunternehmen getarnte Sekte.

Was ich erlebte, war mehr als verstörend. Obwohl ich ein sehr nüchterner, hinterfragender Mensch bin, obwohl ich äußerst kritisch, ja, mit geradezu feindseliger Haltung in die Seminare ging, stellte ich schon nach dem ersten Tag mit Erschrecken fest, anfällig für die Logik der dort verbreiteten Lehre zu sein.

Ich war mit einem bis ins feinste austarierten Weltbild und einem logisch abgestimmten Glaubensgebäude konfrontiert, denen sich mein Gehirn nur schwer widersetzen konnte. Mein Ego wurde damit gestreichelt, einem kleinen elitären Kreis angehören zu können, der über einen Wissenschatz verfügt, mit dem sich alle meine Probleme lösen ließen. Nur darauf eingehen, lernen müsste ich, den Pfad der Erkenntnis betreten, um am Ende persönliche Souveränität, Macht und das Heil zu erringen.
Gegen gutes Geld, versteht sich.

Was mich rettete, war das tief im Hinterkopf verankerte Wissen, nicht nur einer religiös ummantelten Ideologie ausgesetzt zu sein, sondern auch einem geschickt inszenierten psychologischen Verführungsspiel, das wegen seiner Geschlossenheit keinen Widerspruch zulässt.
Einmal gefangen, ist es dem „Gläubigen“ nahezu unmöglich, sich der „Gemeinde“ und damit der Verführung zu entziehen. Erst wenn man das System als Ganzes in Frage stellt, kann man ihm begegnen und – entkommen. Und das in der Regel nur mit Hilfe von außen.

Die Folge meiner Aktivität gegen die Sekte: Mein Haus brannte eines Tages lichterloh. Auch der Kriminalpolizei war klar, wessen Handschrift da sichtbar wurde, alleine, die Beweise ließen sich nicht ermitteln.

Der Reflex auf dieses Erleben ist dieser Roman, der – nebenbei bemerkt, auch ein Freischreiben war – und der, wenn man ihn nicht nur vor diesem Hintergrund, sondern mit einem Blick auf fanatisierte Glaubenskrieger und Selbstmordattentäter liest, durchaus als Warnung, aber auch als bitterböse Realsatire im Thrillergewand verstanden werden kann - vielleicht sogar werden muss. Er ist ein Versuch, die Verführung durch Glauben zu thematisieren.

Uli Reineking, dem ich um 2001 von diesem Roman erzählte und der – journalistisch, psychologisch und theologisch auf absoluter Höhe – nicht nur die Schwierigkeiten, sondern auch die Brisanz und Notwendigkeit des Themas sofort erkannte, machte mir immer wieder Mut, das Projekt, in das ich damals bereits mehrere Jahre investiert hatte, zu realisieren.

Und das trotz des Wagnisses, Glaubensfragen, Okkultes, Esoterisches in einen Spannungsroman einzubringen. Ein solcher Stoff sei besonders geeignet, die Problematik zu popularieseren, meinte er. Mehr noch, Uli Reineking gestattete mir, seinen guten Namen für den Helden des Buches zu verwenden. Einen Helden übrigens, der wenig heldenhaftes an sich hat.

Uli Reinekings Unterstützung und sein nicht selten ironischer Zuspruch sind der dritte Grund, der mich durchhalten und das Buch, begleitet vom Studium unzähliger religionsgeschichtlicher, archäologischer und sektenaffiner Werke - und einer Menge Probleme - vollenden ließ.

Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, das Ergebnis in Empfang zu nehmen und – sicher sehr kritisch – auf seinen Gehalt zu prüfen. Aber vielleicht – hoffe ich - hilft es mit, sein Angedenken zu bewahren.

Eine Geschichte habe ein Anfang und ein Ende, sagte Godard. Aber der Anfang muss nicht notwendigerweise am Anfang und das Ende nicht unbedingt am Ende stehen. Bei einer Lesung ist es ähnlich. Gestatten Sie mir also, Szenen zu lesen, die ich eher zufällig ausgewählt habe. Ich beginne allerdings mit dem Anfang, der wirklich am Anfang zu finden ist, mit dem Motto des Romans:

„Da aber von den Dingen,
die Ihr erfahren werdet,
das eine wahr, das andere falsch,
aber wahrscheinlich sein wird,
so müsst Ihr sie durch Euer Urteil abwägen
und Euch die merken,
welche der Wahrheit am ähnlichsten sehen.“
Niccolò Machiavelli
„Instruction für Girolami“

Fazit.
Nein, es gab keinen Protest, um die oben gestellte Frage zu beantworten. Die um eine Stunde überzogene Veranstaltung wurde christlich beklatscht und mündete in einer munteren Diskussion, die zeigte, das mein Thema Thema ist. Das zeigte sich auch im Fast-Ausverkauf des Romans und meiner Schreibhand, die sich gezwungen sah, innerhalb kürzster Zeit um die zwanzig Exemplare zu signieren.

27.11.2009

"Gegner" - 13. Kapitel















13

Munja war an diesem Morgen mit einer fast schmerzhaften inneren Spannung aufgestanden, hatte - in Gedanken an Kanter - geduscht und dann zusammen mit ihrem Vater das Frühstück eingenommen. Pierre hatte noch geschlafen, ihre Mutter hatte Wäsche aufgehängt. Nur wenige Worte waren gewechselt worden. Jacques Chalids ahnungsvolle Stimmung hatte sich über Nacht gehalten. Bedrückt war Munja schließlich aufgestanden und hatte bei offener Tür auf der Veranda zu lesen versucht. Um zehn Uhr war Pierre heruntergekommen. Wie eine Katze war er um seine Schwester herumgeschlichen, ohne auch nur ein Wort an sie zu richten. Schließlich war er verschwunden. Um elf hatte sie die ersten Nachrichten von Radio Libanon gehört. Am Murr Tower war es zu einem Gefecht zwischen Angehörigen der Chamoun-Mi1izen und einer Einheit der syrischen Armee gekommen. In Zahle waren zwei enthauptete Frauen gefunden worden. Kämpfer der von Major Haddad geführten Libanesischen Befreiungsarmee hatten einen Artillerieangriff auf einen UNO-Posten in der Gegend von Nabatije unternommen. Zwei Soldaten waren getötet, einer schwer verwundet worden. Israelische Kampfflugzeuge hatten einen Bombenteppich auf ein palästinensisches Lager bei Sidon gelegt. Der amerikanische Präsident war Gerüchten entgegengetreten, dass US-Truppen aus Westdeutschland abgezogen werden sollten. In Afghanistan war es den Rebellen gelungen, zwei sowjetische Helikopter abzuschießen. Die Besatzungsmitglieder waren hingerichtet worden. Gekämpft wurde in: Eritrea, Oman, Persien und Irak, in der Sahara, im Tschad, auf den Philippinen, in Angola, Mozambique. In El Salvador hatten Bewaffnete ein Dorf überfallen und über hundert Campesinos abgeschlachtet. Die baskische ETA hatte einen Angehörigen der Guardia Civil erschossen. Italienische Polizisten suchten nach einem entführten Industriellen. Moskau hatte im Hinblick auf die Rüstungsanstrengungen der Vereinigten Staaten von Amerika darauf hingewiesen, dass Amerika keinesfalls unverwundbar sei. Der Papst bereitete seine Spanienreise vor.
Das Telefon hatte nicht geklingelt.
Munja war in ihrem Mini-Cooper nach Junieh zum Dienst gefahren und hatte eine Stunde früher als gewöhnlich Schluss gemacht. Ihre Gedanken waren bei Kanter gewesen. Permanent, voller Sorge.
Aber das Telefon hatte geschwiegen. 23 Uhr 30.
Munja schloss die Zimmertür, die sie geöffnet hatte, um das Klingeln des Telefons hören zu können. Radio Libanon warnte vor Scharfschützen, die das Zentrum Beiruts unsicher machten. Meldungen: Putsch, Krieg, Mord. PLO-Chef Arafat klagt Israel der Vorbereitung des Kriegs an.
Munja hängte das Kleid, das auf ihrem Bett lag, in den Schrank, setzte sich auf das Bett und griff nach einem Buch, Ingmar Bergmans „Von Angesicht zu Angesicht“, und schlug es auf.
Warum rief Kanter nicht an? (Sie erinnerte sich, in der Nacht aufgewacht zu sein - erhitzt, verwirrt und mit dem Gefühl, Kanter sei ins Zimmer getreten, habe sie angesehen und sei dann zu ihr ins Bett gekommen. Seine Hände, sein Mund, seine Stimme, er hatte sie gestreichelt, ihre Brüste, deren Knospen hart und fest geworden waren, ihre Schenkel und ihre Scham. Sie hatte leise gestöhnt und sich an ihn geschmiegt, war ihm entgegengekommen und hatte ihn mit einer Intensität in sich gespürt, die sie hatte stöhnen lassen. Sie war erwacht und hatte die Nässe zwischen ihren Beinen gespürt.) Sie las:
„Jenny: Warum erschreckt man die Kinder so, warum tötet man sie? Wie können wir so tun, als gäbe es das nicht?
Tomas: Was meinst du?
Jenny: Dass die Kinder sterben. Dass die Kinder misshandelt werden. Dass die Kinder verhungern. Man kann mit all dem nicht leben. Was tun wir uns nur an? Wie kann ich so tun, als gäbe es das nicht?
Tomas: Ich glaube, du bezahlst diese Gleichgültigkeit mit einer unfassbaren Angst.“
Das Buch sank auf ihre Brust. Sie schloss die Augen und lauschte. Hunde bellten. Rockmusik. Ihr Herzschlag. Er wird nicht mehr anrufen. Es ist zu spät, dachte sie bekümmert. Oder kann er nicht? Ist ihm etwas geschehen? Sie legte das Buch auf das Bettbord und schaltete das Licht aus. Morgen wird er kommen, sagte sie sich, während sie versuchte, den Schlaf zu gewinnen. Aber er kam nicht. Er kam lange nicht.

George Chehada lag quer im Bett. Seine Hände zuckten. Auf seiner Stirn perlten Schweißtropfen.

Der syrische Offizier stellte sich ihnen in den Weg. Er war jung und trug seine Uniform mit sichtlichem Stolz. Sein akkurat geschnittener Schnurrbart vermittelte dem Gesicht etwas Verwegenes.
„Was will er?“ fragte Kanter.
„Was will er schon!“ knurrte Maruan unwillig, „er will wissen, warum man auf dich geschossen hat und wie es dir gelungen ist, aus der Hölle aufzutauchen.“
Maruan sprach auf den Offizier ein, der mehrmals mit der Zunge schnalzte und die Schultern hob. Sein Arabisch war für Kanter unverständlich.
„Erzähle ihm, dass ich keine Ahnung habe, Elam!“
„Das habe ich. Aber er ist ein Witzbold, er sagt, man müsse wissen, warum man über den Haufen geschossen wird. Hau du nach oben ab, ich werde schon mit ihm fertig.“
Kanter schob sich an Elam vorbei auf das Portal des Hotels zu. Der Offizier hob die Hände.
„No, no! Wait, Sir“!
Damit war offenbar sein englischer Wortschatz erschöpft. Er schimpfte auf Maruan ein, der ihn anlächelte und schließlich ergeben die Arme hob. „Er will sehen, was du einpackst, Deutscher. Tun wir ihm also den Gefallen.“
Zu dritt betraten sie das Hotel und fuhren mit dem Lift nach oben. Kanter schloss auf. Der Offizier blieb im Eingang stehen und beobachtete Kanter, der das Licht einschaltete. Maruan lehnte sich gegen die Flurwand und grinste.
„Ein Tölpel“, sagte er angewidert.
„Schenk ihm eine Pulle Whisky, dann sind wir ihn los.“
„Ich habe nur keine.“
„Dann müssen wir uns mit ihm abfinden.“
Kanter trat in den Vorraum. Die Badezimmertür war geöffnet. Der Geruch seines Rasierwassers schlug ihm entgegen. Er trat ein, sammelte die Pflegeutensilien ein und steckte sie in den Kulturbeutel. Damit kam er wieder heraus. Der Offizier kam herein, steckte den Kopf durch die Badezimmertür und sah sich um. Er schien zufrieden und ging an Kanter vorbei ins Zimmer. Die Vorhänge waren zugezogen. Kanter schaltete die Deckenbeleuchtung ein.
„Sag ihm, dass ich meine vier Frauen im Koffer versteckt habe,“ murmelte er.
Maruan verdrehte die Augen.
„Er will nur sichergehen, dass du nicht unter seinen eigenen Augen abgeschossen wirst. Jetzt weiß er, dass das Zimmer sauber ist.“
Der Offizier sah fragend auf. Maruan warf ihm einen kurzen, arabischen Satz zu. Der Mann lächelte und klemmte den Daumen seiner rechten Hand zwischen Zeige- und Mittelfinger, während er die Augen verdrehte.
Kanter steckte den Kulturbeutel in seinen kleinen Koffer, hob diesen dann auf und trat einen Schritt vor, bis er den Durchgang zum eigentlichen Zimmer erreicht hatte. Der Offizier wich nach rechts zur Wand hin aus. Kanter schleuderte den Koffer dem Bett entgegen.
„Four girls, four times fuck-fuck,“ sagte der Syrer grinsend. Der Koffer schlug auf.
Feuer spritzte ihnen entgegen. Kanter blieb die Luft weg. Wie von Drähten blitzartig gezogen, verlor der Syrer den Stand und knallte gegen die Wand. Kanter spürte einen fürchterlichen Schlag, wurde von den Füßen gerissen und gegen den im Flur befindlichen Kleiderschrank geschleudert. Der Offizier brüllte. Ein furchtbarer Knall erschütterte die Luft. Dann flog die Glasfront heraus, Gegenstände rasten durch den Raum, Kalk, Steine und Stofffetzen wirbelten herum. Kanter rutschte durch den Vorraum und prallte dicht neben Maruan gegen die Flurwand. Der Syrer lag wie ein Bündel im Vorraum. Rauch und Staub fegten in den Gang. Maruan brüllte wie am Spieß.
Kanter bewegte sich. In seinen Ohren war ein grelles Schrillen. Er stützte sich auf den Händen ab und kroch benommen dem Aufzug entgegen. Maruan drang in das rauch- und Staub erfüllte Zimmer ein und fasste nach den Händen des syrischen Offiziers. Blut. Er zerrte den Mann in den Gang.
Kanter wankte heran.
„Lebt er?“
Maruan umfasste den Hals des Offiziers. Er nickte.
„Er braucht dringend einen Arzt,“ sagte er. Er zog einen Revolver aus seiner Jacke, lud ihn durch und reichte ihn Kanter:
„Leg jedes Schwein um, das sich hier rauftraut!“
Hinter ihm öffnete sich eine Zimmertür. Eine Frau steckte den Kopf heraus. Entsetzen und Neugier in ihrem Blick. Maruan schlug ihr ins Gesicht und zog die Tür wieder zu.
„Zwing sie in den Dreck, Kanter, hast du gehört?“
Kanter nahm die Waffe.
„Ich rufe einen Arzt und seine Kollegen,“ murmelte Maruan. Dann verschwand er nach unten.


Kanter nahm die Tasse Kaffee, die ihm der libanesische Sicherheitsoffizier des Deuxieme Bureau reichte, mit einem gemurmelten Dank entgegen. Bartstoppeln bedeckten seine Wangen. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Im Mund hatte er einen bitteren Geschmack, der nicht nur vom Kaffee herrührte: Major Lucien Taif, der mit verschränkten Armen an der Wand des zum Verhörraum umfunktionierten Hotelzimmers lehnte, war nicht zu bewegen, die an sich recht simple Geschichte, die Kanter wiederholt vorgetragen hatte, als Wahrheit zu akzeptieren.
„Wir leben zwar in einem verrückten Land, Mr. Kanter, aber das darf Sie nicht dazu verführen, uns als Narren zu betrachten. Kommen Sie, sagen Sie uns die Wahrheit. Ich verspreche Ihnen, dass Sie noch heute in einer Maschine nach Deutschland sitzen, wenn Sie uns entgegenkommen.“
Während er sprach, hatte er hintergründig gegrinst. Er sah frisch, drahtig und Energie geladen aus. Sein Gesicht war tief gebräunt, Er war wohlgenährt, seine Uniform makellos. Kanter seufzte.
„Wir können Sie auch einsperren,“ sagte der Offizier betont ruhig.
„Unter der Beschuldigung, im Auftrag einer noch nicht bekannten Terrororganisation einen Bombenanschlag geplant zu haben. Das wird dann unangenehmer.“
Der dritte Mann im Raum, ein kaum zwanzigjähriger Sergeant, dessen kurz geschnittenes Haar im Lampenlicht rötlich glänzte, hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Er saß vor einer Olivetti-Schreibmaschine und schwankte übermüdet hin und her.
„Sie werden sich mit den Tatsachen abzufinden haben, Major,“ sagte Kanter mit dem Gefühl, eine Wand anzusprechen.
„Tatsache ist, dass in Ihrem gemieteten Hotelzimmer eine Bombe hochgegangen ist und einen syrischen Offizier - einen offiziellen Freund der Republik Libanon - schwer verletzt hat. So schwer, dass wir möglicherweise niemals mehr eine Aussage von ihm bekommen werden. Ihre Aussage, Sie hätten von dem Höllenapparat nichts gewusst, ist - nun, sagen wir - ziemlich fragwürdig, wenn wir bedenken, dass Sie gestern einen Zusammenstoß ähnlicher Art, wenn auch unter Einsatz von Schusswaffen, hatten.“
„Ziehen Sie doch nichts an den Haaren herbei!“
„Muss ich das nicht, wenn Sie uns die Wahrheit vorenthalten?“
„Zum Teufel, wenn es Ihnen auf die Wahrheit ankäme, säßen wir nicht mehr hier. Ich habe die Bombe weder gebaut noch sie mir ins eigene Bett gelegt. Oder unterstellen Sie mir Selbstmordabsichten?“
„Sie haben damit gerechnet, dass Ihre Gegner Ihr Zimmer durchsuchen oder Sie dort erwarten. Sie haben das kalkuliert und den Sprengsatz platziert, in der Hoffnung, die Blase würde zerrissen werden. Das liegt doch auf der Hand! Das ist sogar verständlich! Ich kann Ihnen ohne weiteres bescheinigen, dass Sie folgerichtig vorgegangen sind. Was Ihnen dann nicht in den Kram passte, das war der syrische Offizier. Um ihn geht es, Mr. Kanter!“
„Schwachsinn!“
Major Taif stieß sich von der Wand ab. Er trat dicht an Kanter heran, suchte dessen Blick und sagte leise:
„Wir sind nicht mehr so ganz Herr im eigenen Haus, Mann, wir hätten Ihre Geschichte unter normalen Umständen aufgeschrieben und in eine Akte gelegt, und wir hätten Sie nach Hause geschickt. Aber, Mr. Kanter, heutzutage stellt man uns Fragen. Wir müssen sie beantworten.“
„Aber nicht auf meine Kosten.“
„Sie glauben, die Syrer fragen danach?“
„Soll ich Ihnen einmal ehrlich sagen, was mich die Syrer können, Major?“
Der Offizier drehte sich um.
„Die können Sie an die Wand stellen, mein Freund. Hier herrscht Kriegsrecht, falls ich Ihnen das in Erinnerung rufen muss.“
„Sie vergessen meinen Status.“
Major Taif drehte sich um.
„Dass Sie Deutscher sind, schert uns einen Dreck!“
„Ich spekuliere nicht auf Privilegien, Major. Ich will, dass Sie endlich meine Aussage als wahr anerkennen! Der Mordanschlag war gegen mich gerichtet! Gegen mich, Herrgott noch mal!“
„Warum? Wer will Sie beseitigen?“
„Ich weiß es nicht! Man hat mich lediglich darüber informiert, dass der Mann, der auf mich geschossen hat, aus dem christlichen Sektor gekommen ist.“
„Wer hat Ihnen den Hinweis gegeben?“
„Elam Maruan.“
„Sie sehen also einen Zusammenhang im Hinblick auf Ihre vor einiger Zeit erfolgte Gefangennahme?“
„Sie nicht?“
„Ich frage Sie, Mr. Kanter!“
Kanter trank den Rest seines Kaffees.
„Er ist nicht auszuschließen,“ sagte er vorsichtig.
„Bliebe herauszufinden, warum man Sie umbringen wollte - immer vorausgesetzt, Ihre Vermutung ist richtig.“
„Ich kenne die Motive der Auftraggeber nicht.“
„Vielleicht sieht man in Ihnen eine Gefahr?“
„Ich bin Geschäftsmann.“
„Gegen wen?“
Kanter schlug die Hände zusammen.
„Hören Sie, Major, ich bin als Privatmann nach Beirut gekommen, habe lediglich einige Probleme zu lösen gehabt, die während meines früheren Aufenthaltes entstanden sind. Die Politik ist mir egal, falls Sie ahnen, was ich meine. Ich habe mich weder auf der einen noch auf der anderen Seite engagiert, habe niemanden unterstützt und niemanden bekämpft. Ihre Vermutung - die haben Sie doch, nicht wahr? - ich könnte irgendeiner Partei im Libanon Vorteile verschafft haben, ist falsch.“
„Sie werden also verkannt, mein Lieber?“
„Oder verwechselt.“
„Oder sind Opfer in einem Intrigenspiel?“
„Oder Opfer der Ignoranz eines Mannes, der endlich einsehen sollte, dass er bei mir an der falschen Adresse ist. Sie vergessen, dass ich einen lauteren Zeugen habe!“
Major Taif lächelte.
„Der gute, alte Elam Maruan!“
„Richtig.“
„Der für Sie gearbeitet hat?“
„Auch richtig.“
„Delikate Geschäfte angebahnt hat!“
„Ich hätte kostengünstiger nach deutschen Gepflogenheiten gearbeitet, Major, wenn es sich hätte einrichten lassen.“
„Aber Sie sahen sich unverhofft in eine andere Welt versetzt und mussten sich den neuartigen Bedingungen anpassen.“
„Na klar, sonst hätte ich keinen Hosenknopf verkaufen können.“
„Sie haben Millionen umgesetzt.“
„Nicht zum Nachteil der Kunden.“
Major Taif winkte ab.
„Sie waren sehr erfolgreich. Könnte man daraus nicht den Schluss ziehen, dass Sie sich den nahöstlichen Gepflogenheiten zu sehr angepasst haben? Der Methodik, Mr. Kanter?“
„Die als durchaus sauber betrachtet werden kann, wenn wir hiesige Maßstäbe anlegen. Oder sind Sie anderer Meinung, Major Taif?“
„Das Motiv leuchtet mir nicht ein.“
„Glauben Sie, mir?“
Der Kopf des Sergeanten an der Schreibmaschine fiel herab. Erschreckt riss der junge Mann die Augen auf und versuchte, Haltung anzunehmen. Major Taif zündete sich eine Zigarette an. „Es ist 4 Uhr 15,“ sagte er.
„Wann geht Ihr Flug?“
Kanter hob überrascht den Kopf.
„Sie haben es sich überlegt?“
„Ich will keinen Arger, Mr. Kanter. Sagen wir, Sie verschwinden mit der nächsten Maschine und unterschreiben einen Revers, der Sie verpflichtet, das Land für die Dauer von fünf Jahren nicht mehr zu betreten. Dann habe ich was gegen die Syrer in der Hand. Und Sie sind aus dem Schneider.“
Kanter erhob sich.
„Wenn Sie dann besser schlafen können...“
„Genau darum geht es, Mr. Kanter. Ich habe kein Interesse, Sie festzunageln. Und wenn Sie das Land verlassen haben... nun, dann werden sich auch die Fragesteller beruhigen. Nach einigen Tagen. Ich hoffe nur, unser Syrer hat noch Atem in sich. Warten Sie!“
Major Taif begann zu telefonieren. Er wählte drei verschiedene Nummern, brüllte, schmeichelte, um schließlich zufrieden zu nicken.
„Sie haben Glück, Mr. Kanter. Er lebt.“
„Dann kann ich jetzt also gehen?“
„Nachdem Sie mir den noch zu tippenden Revers unterschrieben und mir verraten haben, wo Sie bis zum Abflug Ihrer Maschine zu finden sind.“
„Ich werde bei Elam Maruan sein.“
„Gut. Sergeant?“
Der junge Mann legte die Hände auf die Tastatur der Schreibmaschine. Major Lucien Taif begann die Verpflichtungserklärung zu diktieren, die Kanter schließlich unterschrieb.
„Sie haben meine Sympathien“, sagte der Offizier zum Abschied.
„Und ich wäre gerne an Ihrer Stelle, soweit es das Abfliegen betrifft. Welcome, Sir.“
Kanter ging hinaus. Im Gang wartete Maruan. Der kleine Mann grinste.
„Der alte Taif wollte mal Schauspieler werden“, murmelte er erheitert.
„Trotzdem: Lass uns verschwinden.“
Sie stiegen über die von der Explosion in den Gang geschleuderten Trümmer. Der Teppich war an verschiedenen Stellen mit eingetrocknetem Blut besudelt. Der Aufzug funktionierte nicht.
„Es war also nichts als Theater, Elam?“
Maruan schob sich eine Havanna zwischen die Zähne:
„Wenn es keines gewesen wäre, Deutscher, würdest du jetzt mit zerquetschten Eiern rumlaufen.“
„Und ich dachte, die Libanesen seien zivilisiert.“
„Im Theater, Kanter.“


Kanter hatte das Frühstück, den Kaffee und auch den Cognac abgelehnt, die Maruan nach dem Eintreffen in dessen Haus angeboten hatte. Er hatte sehr wohl gespürt, dass der kleine, mausgesichtige Mann, dem die durchwachte Nacht nichts auszumachen schien, nach einem Vorwand suchte, um die Frage, die ihn seit dem zweiten Anschlag bedrängte, anzubringen. Kanter hatte sich jedoch bewusst dagegen gewehrt, fürchtend, einer Logik begegnen zu müssen, der er zu dieser frühen Stunde - es war fünf Uhr früh - nichts entgegensetzen konnte. Maruan hatte ihm das Zimmer gezeigt, das Kanter benutzen sollte. Er hatte ihm eine Flasche Wasser und ein Glas gebracht, war dann im Türrahmen stehen geblieben und hatte ihn aus undurchdringlichen Augen lange angeblickt, ehe er sich entschlossen hatte, wenigstens die wichtigste seiner Fragen zu stellen:
„Bist du sicher, dass sich nicht doch etwas verändert hat, Deutscher?“
Obwohl Kanter sehr genau gewusst hatte, dass Maruan ihn mit seinen Worten aufgefordert hatte, noch einmal abzuwägen, ob die im Prinzip unvernünftige Jagd nach George Chehada seinen Interessen diene, hatte er die Sache mit einem Scherz abtun wollen.
Doch Maruan war hart geblieben.
„Es gibt Momente, die wie Wendepunkte sind, Kanter. Die bis dahin als gültig betrachteten Werte hören auf, Werte zu sein. Man kann - wenn man die Eitelkeit, seinen Stolz und seinen Hass wenigstens unter Kontrolle hält, zu neuen Ergebnissen kommen und sich mit dem bescheiden, was vorhanden oder ohne weiteren Schaden realisierbar ist. Ich spiele auf die Sinnlosigkeit einer Situation an, in der du etwas bewegt hast, das beinahe zum Tod eines weiteren - unbeteiligten - Menschen geführt hat.“
„Habe ich die Bombe gelegt?“
„Warst du nicht der Anlass?“
„Zugegeben, aber...“
„Also zugegeben?“
„Eine Redewendung, Elam! Wenn ich ein Haus errichte, dessen Bau Tote kostet, bin ich doch kein Mörder!“
„Du baust kein Haus, und in unserem Fall willst du morden!“
„Eine andere Wortwahl würde die Perspektive wieder herstellen.“
„Gut: Töten, umbringen, ihm das Leben nehmen.“
„Strafen!“
„Okay, strafen. Bist du das Menschheitsgewissen?“
Kanter hatte mit der flachen Hand auf die Nachttischplatte geschlagen und zornig gesagt:
„Das ist kein ethisches Problem, ich will ihm auch nicht philosophisch beikommen. Hier geht es um Tatsachen. Eine davon ist die, dass ich mich nicht abhalten lasse, Chehada zu finden und - wenn du willst - zu ermorden. Ich will ihn tot sehen! Ich will einen Ausgleich schaffen. Jetzt erst recht, nachdem man wieder versucht hat, mich umzubringen!“
„Chehada?“
„Die Richtung stimmt jedenfalls.“
„Und dein eigenes Leben?“
Kanter hatte geschwiegen und versucht, eine ehrliche Antwort zu geben. Er war nicht fähig weiter zu leben mit dem Bewusstsein, dass der Mann, der ihn bis auf den Grund erniedrigt und entwürdigt hatte, lebte. Er glaubte nicht daran, sich je wieder fangen zu können, ohne Chehada getroffen und zerstört zu haben. Dafür war er bereit, sein Leben aufs Spiel zu setzen.
„Ich will ihn, Elam!“
„Und dann?“
Kanter hatte keine Antwort gefunden, auch nicht, als Elam Maruan bereits gegangen war und die Frage nach dem Nachher immer wieder in sein Bewusstsein gedrungen war. Da war Munja, sicher, aber sie konnte für ihn keine Alternative sein. Sie war insofern das Nachher, als er versuchen würde, sie zu bewegen, mit ihm zu kommen, mit ihm zu leben - wo auch immer. Doch letztlich hieß es nicht Chehada oder Munja, sondern schlicht Chehada und Munja. Mit diesen Gedanken schlief er schließlich ein. Maruan weckte ihn um 13 Uhr. Und er teilte ihm mit, dass es ihm gelungen sei, ein Foto von George Chehada aufzutreiben. „Die Kopie einer Fotografie, Kanter. Meine Beziehung war nicht bereit, mir das Original aus seinen Unterlagen zu überlassen.“
Kanter betrachtete das Bild Chehadas. Ein freundlich lächelnder Mann, dessen Augen zu weit auseinander standen. Ein Dutzendgesicht. Kanter betrachtete es ohne Hass.

24.11.2009

Wer hat den Längsten?

Sie sind auf Platz 130 meldete die Suchmaschine. Und zwar unter 365 Begutachteten beim Schwanzvergleich, war auf der zweiten Zeile zu lesen. Ein Verleser? Nein, das nicht, auch keine Erinnerung, mich je an einem Wettbewerb dieser Art beteiligt zu haben. (Selbst die Erforschung der Pubertät brachte kein Ergebnis.) Wie also, fragte ich mich, komme ich auf eine solche Liste? Konnte nur eine verdeckte Operation gewesen sein. Vom Geheimdienst eines Pornoanbieters? Vielleicht beim Italiener? Ein heimliches Fotoshooting per Kamerahandy am Pissoir? Und wenn, wer interessierte sich aus welchen Motiven für mein Gemächte? Mit welchem Ziel? Und wieso nur Platz 130? (?)
Gewohnt, knifflige Fälle zu konstruieren und zu lösen, kam ich auf das Naheliegendste. Ich klickte mich auf die Website. Die hieß natürlich nicht Schwanzvergleich, sondern schlicht Berlin-Pendler.
Und Berlin-Pendler befleißigt sich, nicht die guten Stücke, sondern Berliner Blogs auf ihre – ja, was? - Wichtigkeit, häufigste Benutzung, Qualität oder Beliebtheit unter die Lupe zu nehmen und zu „ranken“. Mit Hilfe des Wikio-Ranking, versteht sich.

Wer es genau wissen will: berlinpendler.wordpress.com

20.11.2009

Gefühlte Feinde



















Gefühlte Feinde

War bei Dussmann. Dussmann steht für „Kulturkaufhaus“ und zwischen Unter den Linden und Bahnhof Friedrichstraße. Kulturkaufhaus nennt es sich, weil es neben Musikalien, Kalendern, CD´s und Software etagenweise Bücher feil hält. Ein Tempel, sagen die einen, beeindruckt von der der schieren Größe, ein Schlachtschiff mit ungeheurer Vernichtungskraft so mancher Autor, der sich vergebens bemüht, unter den Bücherbergen ihre Werke zu finden.

Logisch, dass auch ich nach meinem „letzten“ gesucht habe. Logisch, dass ich es nicht fand. Im Bauch dieses Grummeln, das der Wut vorausgeht, im Herzen ( gefühlt ) einen nicht zu unterdrückenden Neid gegenüber jenen Schriftstellern, deren Werke auf ächzenden Tischen in Riesenstapeln angeboten und massenhaft verkauft werden. Weil ihre Verlage groß sind, Marktmacht und deshalb Einfluss besitzen. Im Gegensatz zu meinem, der die wirklich guten Bücher bringt ( meines ), aber die schmale Nische beackert, weil die lohnenden Felder von den Großen besetzt sind. Geld heiratet eben Geld, stellt man ernüchtert fest, und ein Fluch entweicht dem Unterbewusstsein: verdammte Turbokapitalisten! Plakatieren Kultur und killen sie, in dem sie deren wahre Stätten in Schutt und Asche legen! Im ganzen Viertel keine einzige vernünftige Buchhandlung mehr. Shame on You, bloody Diamond

Ob denn der Roman „Die Straße ins Nichts“ vorhanden sei, möchte man fragen. Hilflose Blicke hin zu den Kassen, die wie mondäne Sushibars rund in den Raum gestellt sind und in denen gestylte Wesen gewaltige Umsätze generieren. Hilfloser Blick der Gestressten, die nichts weiter als den Bestseller bezahlt haben will. Irgendwo, sagt sie, muss es einen Kollegen geben, der Ihnen weiterhelfen kann. Irgendwo, ja. Bei diesem Herrn da, der nachfragt, ob es Dan Brown neuesten auch als Prachtband mit Goldschnitt gibt. Wegen weil ja bald Weihnachten ist und es was Außergewöhnliches sein soll, was mit Wert, Sie verstehen? „Die Straße ins Nichts?“, fragte die lächelnde Dame, nachdem sie zwei weitere Kunden abgefertigt hat. Sie schaut in ihren Computer, findet den Eintrag, lächelt – na ja – beinahe mitleidig ob des perversen Wunsches. „Ja“, sagte sie, sondernbar abschätzend, „haben wir, ja, aber müssen wir bestellen.“ Bei Libri natürlich. Eine der Buchgroßmächte, mit denen der Laden verbandelt ist und die alles listen, was zwischen Buchdeckeln existiert. Also auch die Produkte meines Nischenbeschickers. „Dauert aber fünf Tage“, erläutert sie. „Ihr Name?“
Ich bin versucht, ihr den meines Nachbarn zu nennen, dessen Hund dauernd auf die Matte im Eingang kackt, unterlasse es aber, weil der sofort zum Verfassungsschutz rennt, da er sich als bekennender Islamophobist selbst im Traum umzingelt sieht. Eingedenk des letzten, noch nicht im Vertrauen auf Nachfolgegeschäfte verschenkten Belegexemplars in meinem Bücherregal trete ich den Rückzug an. Meine bissige Bemerkung, unter diesen Umständen zöge ich es vor, selbst über das Netz zu bestellen, quittiert die Dame mit einem Blick an mir vorbei auf den nächsten Kunden, der – einen Schätzing in der Hand – fragt, ob es den auch mit eingebautem Perlencollier und einer Weißgoldschließe gibt ...

Ich gehe. Wie der Pudel, den man begossen hat. Im Kopf das Feuer einer neuen Buchidee, einer Revolution. Das erste Kapitel beginnt mit: Ein Geist weht durch die Welt, der Geist einer Kultur, die … Ach, Scheiße, Scheiße, Scheiße, bellt es in mir, während meine Beine mich zum Ausgang bugsieren.

17.11.2009

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Willi Voss

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