Die
Liebe war eine Waffe
Wilhelm Dietls „Krieg ohne Kriegserklärung“ führt ins Innenleben des KGB –
und zeigt, was dessen verdeckter Kampf gegen den Westen für Menschen bedeutete.
Eine Frau glaubt, geliebt zu werden. Der Mann, dem sie vertraut, erfüllt einen Auftrag. Was für sie eine Beziehung ist, wird anderswo als nachrichtendienstlicher Vorgang geführt. Ihre Hoffnung, ihre Sehnsucht, ihre Bereitschaft, für einen anderen Menschen etwas zu riskieren: alles verwertbar.
Wer begreifen will, wie ein Geheimdienst in eine Gesellschaft eindringt, muss auch von solchen Geschichten erfahren. Von Menschen, deren Vertrauen zum Einfallstor wird. Von einer Macht, die selbst die intimsten Bindungen nach ihrem operativen Nutzen bewertet.
Wilhelm Dietl widmet sich in „Krieg ohne Kriegserklärung. Der KGB in Deutschland“ ausdrücklich den Schicksalen der Romeo-Opfer. Damit setzt er einen entscheidenden Akzent. Die Geschichte der Spionage wird häufig vom Erfolg der Täuschung her erzählt: Wer gelangte an welche Unterlagen? Wie lange blieb ein Agent unentdeckt? Dietls Blick auf die Betroffenen führt zu einer anderen Frage: Was richtet eine solche Operation in einem Menschen an?
Hier bekommt der Titel des Buches seine bedrückende Bedeutung. Dieser Krieg konnte im Alltag beginnen, mit Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit und einem Versprechen.
Dietls Gegenstand sind die schädlichen, zerstörerischen Aktivitäten des sowjetischen Geheimdienstes in Deutschland und im Westen. Informationsbeschaffung gehörte dazu, aber ebenso die Unterwanderung von Institutionen, die Manipulation von Menschen und die Verfolgung politischer Gegner. Bis zum Mord. Die im Buch behandelten Morde an ukrainischen Exilpolitikern in München markieren das äußerste Ende einer Logik, die Menschen als Hindernisse, Werkzeuge oder entbehrliches Material behandelte.
Dass Dietl sich diesem Apparat mit besonderer Aufmerksamkeit für seine Arbeitsweise nähert, hat einen biografischen Grund. Er arbeitete von 1982 bis 1993 für den Bundesnachrichtendienst. Als Journalist und nachrichtendienstlicher Informationsbeschaffer kannte er ein Milieu, in dem eine Auskunft zugleich Angebot, Köder und Drohung sein konnte.
Eine solche Vergangenheit ist kein Wahrheitszertifikat. Sie schärft jedoch den Blick für Dinge, die einem Außenstehenden leicht entgehen: die auffällige Auslassung, die allzu passende Erklärung, den Unterschied zwischen dem behaupteten Motiv und dem tatsächlichen Interesse. Wer selbst Informationen beschafft hat, weiß, dass auch eine zutreffende Mitteilung dazu dienen kann, jemanden in die falsche Richtung zu schicken.
Darin liegt Dietls besonderer Zugang. Ihn interessieren die kleinen Feinheiten, an denen sich die großen Geschichten überprüfen lassen.
Das gilt auch für bekannte Namen wie Hansjoachim Tiedge, Heinz Felfe und Otto John. Ihre Fälle gehören seit Jahrzehnten zum Bestand der deutschen Geheimdienstgeschichte. Doch Bekanntheit kann den Blick ebenso verstellen wie Geheimhaltung. Irgendwann steht ein Name nur noch für ein fertiges Urteil; die Widersprüche, persönlichen Voraussetzungen und einzelnen Schritte verschwinden dahinter. Dietl geht diesen Verästelungen nach. Gerade dort, wo man die Geschichte bereits zu kennen meint, liegt der Reiz seiner Untersuchung.
Einen weiteren Zugang eröffnet der Fall Sergey Bezrukov und dessen Verhältnis zum BND. Ein ehemaliger KGB-Oberstleutnant aus Berlin-Karlshorst, in die Bundesrepublik übergelaufen, nahm 2011 Kontakt zu Dietl auf. Diese Nachricht wurde zum Anstoß für die Recherche.
Damit steht eine Frage im Raum, die weit über einen einzelnen Überläufer hinausführt: Was geschieht mit einem Mann, sobald sein Wissen abgeschöpft ist? Der Wechsel auf die andere Seite beendet die Abhängigkeit von Geheimdiensten keineswegs zwangsläufig. Er kann eine neue begründen. Dietl erschließt hier einen Zusammenhang, den er nach eigener Auskunft erstmals ausführlich darstellt. Die behauptete Neuheit verlangt eine genaue Lektüre; der Stoff allein macht bereits neugierig.
Hinzu kommen persönliche Begegnungen. Tumanow etwa hat Dietl in Moskau getroffen. Solche Gespräche sind wertvoll, wenn der Fragende die Selbstdarstellung seines Gegenübers einzuordnen versteht. Ein ehemaliger Geheimdienstmann hört mit dem Ausscheiden aus dem Dienst schließlich nicht auf, seine Geschichte zu gestalten. Dietls eigene Erfahrung gibt diesen Begegnungen deshalb besonderes Gewicht: Hier sitzt jemand am Tisch, der das Geschäft kennt und mit den Interessen hinter einer Erzählung rechnet.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Jahre 1989, 1990 und 1991. Für die Öffentlichkeit sind es die großen Bilder des Umbruchs: die offene Mauer, die deutsche Einheit, das Ende der Sowjetunion. Für die Angehörigen des KGB bedeuteten dieselben Ereignisse den Verlust jener Ordnung, aus der sie Auftrag, Rang und Selbstverständnis bezogen hatten.
Was geschieht im Inneren eines Dienstes, wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Was bleibt von der Überzeugung, die geschichtliche Entwicklung zu durchschauen und zu lenken, wenn diese Entwicklung die eigene Institution überrollt?
Dietls Interesse am Leben der Geheimdienstleute in Karlshorst und Dresden führt mitten in diese Fragen. Der Alltag gehört zur Geschichte der Macht: die Kollegen, die Familien, die Gewohnheiten, die Sicherheit eines abgeschlossenen Milieus. Gerade diese Normalität macht verständlich, wie selbstverständlich die berufliche Verfügung über das Leben anderer werden konnte. Zwischen Feierabend und verdeckter Operation musste für die Beteiligten kein unüberwindlicher moralischer Abstand liegen.

Der besondere Reiz dieser Untersuchung liegt in der Nähe zum konkreten Vorgang. „Der KGB“ ist rasch gesagt. Was sich hinter dem Kürzel verbirgt, erschließt sich erst aus Entscheidungen, Beziehungen, Täuschungen und ihren Folgen. Dort wird aus einer Institution eine erfahrbare Wirklichkeit.
Der Grund, es zu lesen, liegt jedoch tiefer. Dietl führt an die Stellen, an denen politische Absicht in persönliche Verwüstung umschlägt. Eine erschlichene Liebe. Ein ausgeschöpfter Überläufer. Ein verratener Dienst. Ein ermordeter Gegner. Und am Ende Funktionäre, die erleben müssen, dass ihre vermeintlich unerschütterliche Welt zerfällt.
„Krieg ohne Kriegserklärung“ weckt damit eine Neugier, die über das übliche Interesse an Agentengeschichten hinausgeht. Man möchte erfahren, wie es tatsächlich zuging. Wer wen benutzte. Wer welchen Preis bezahlte. Und was ein Mann erkennt, der lange genug in diesem Milieu gearbeitet hat, um auch den unscheinbaren Einzelheiten zu misstrauen.
Geheimdienste machen Menschen zu Vorgängen. Dietls Buch führt zu den Menschen zurück.
Wilhelm Dietl: Krieg ohne Kriegserklärung. Der KGB in Deutschland. Memoir Verlag, 589 Seiten. ISBN 9783982512952.



