16.09.2025

 

Mein Leser – das unbekannte Wesen

 


oder Der Jubel, der ausbleibt

Einige Leser hat mein neuer Thriller *Pforte des Todes* tatsächlich gefunden – so viel ist belegt. Ganze zwei E-Mails, ein einzelner Anruf und sogar ein nach Veilchen duftender Brief haben ihren Weg zu mir gefunden. Alle Reaktionen fielen äußerst positiv aus, doch leider erschöpften sie sich im selben Muster: „Toller Roman, Gratulation!“ – und Ende.

Wie frustrierend! Mein Herz, das zitternd dem Urteil der Leser entgegenfiebert, schreit nach mehr als bloßen Lobfloskeln. Warum, zum Teufel, sagt ihr mir, das Buch sei großartig, wenn ihr mir nicht verratet, warum?

Nach all den Jahren ohne literarische Streicheleinheiten lechze ich nach echter Rückmeldung, nach einer ausführlichen Urteilsbegründung! Wie ist mein Stil? Habe ich überhaupt einen? Wie gelungen ist der Aufbau der Handlung? Wie lebendig sind die Figuren gezeichnet? Und vor allem: Wie sehr strapaziert die Spannung eure Nerven? Kurz: Was genau macht meinen neuen Roman so fesselnd – ist er es überhaupt?

Durst nach begründetem Feedback

Ich habe Jahre auf diesen Moment hingearbeitet – die Wiedergeburt in der literarischen Öffentlichkeit. Jetzt, wo *Pforte des Todes* endlich erschienen ist, giert meine ausgehungerte Autorenseele nach detaillierten Reaktionen. Eine bloße Gratulation ohne Begründung ist wie ein Tropfen auf dem heißen Stein meines Egos.
Ich wünsche mir sehnlichst, dass die Leser nicht nur „gefällt mir“ ankreuzen, sondern mir erzählen, warum es ihnen gefällt (oder gar nicht gefällt!). Waren es meine originellen Wendungen? Der sprachliche Witz? Die glaubwürdigen Dialoge? Oder hat vielleicht die jahrelange Wartezeit eure Erwartungen in ungeahnte Höhen geschraubt? Ich stehe hier wie ein Angeklagter vor dem Richter – aber ohne die Urteilsbegründung, die mein schreibendes Herz so dringend braucht.

Warum nur? – Ironische Erklärungsversuche

Mangels echtem Feedback bleibt mir nur, in absurde Spekulationen zu flüchten. Vielleicht ist Pforte des Todes ja aus ganz anderen Gründen „toll“, als von mir naiv angenommen. Mögliche Ursachen für die Begeisterung – oder das Ausbleiben des Mega-Erfolgs – könnten sein:

- Versteckte Perle: Mein Roman muss erst gesucht werden, statt als riesige Bestseller-Pyramide im Buchladen-Eingang zu thronen. Nichts für Laufkundschaft, eher ein Geheimtipp für Schatzsucher.
- Keine Bestseller-Plakette: Pforte des Todes steht (noch) nicht seit drei Jahren unangefochten auf Platz 1 der Bestsellerliste. Vielleicht traut man dem Braten nicht, wenn der Spiegel sich bedeckt hält.
- Schlafmittel in Buchform: Möge mich der Blitz treffen für solche Lästerung – vielleicht taugt mein Roman am Ende nur als Rohstoff für hochwirksame, nach Buchbinderleim schmeckende Schlaftabletten?

Zwischen Hymne und Bannfluch

Dabei war das Echo keineswegs nur spärlich. Deutschlandfunk und FAZ et co. etwa haben sich meines Romans in Rezensionen angenommen – und zu meiner kaum verhohlenen Genugtuung nicht etwa vorsichtig, sondern mit kräftigen Worten gelobt. Von „spannend“, „vielschichtig“ und gar „literarisch bemerkenswert“ war die Rede. Worte, die mir das Herz wärmten und die Federn meines Ego-Pfaus kräftig zum Schwingen brachten.

Doch kaum hatte ich mich in dieser warmen Badewanne aus Anerkennung wohlig zurückgelehnt, tauchte am Horizont das andere Deutschland auf – jenes der moralischen Instanzen, die ihr Heil darin suchen, mit dem Bannstrahl zu drohen. Man flüsterte, dass gar die Exkommunikation im Raum stand. Ja, die Kirche sei beunruhigt über die Abgründe, die sich in Pforte des Todes lästernd aufgetan hätten, und habe ernsthaft über Sanktionen nachgedacht.

Zum Glück – oder leider, je nach dramaturgischem Standpunkt – scheiterte die angedrohte Exkommunikation an einem simplen Faktum: Ich gehöre keiner Kirche an. Ein kläglicher Fehlschlag für die Wächter der Moral, ein Triumph für die Bürokratie. So blieb mir der eigentliche literarische Ritterschlag, denn was kann eine größere Ehrung sein, als vom Kanzelpersonal höchstselbst aus der Gemeinschaft verbannt zu werden? Stattdessen blieb nur ein Schulterzucken: „Kann man nicht exkommunizieren, den Kerl – er hat ja keinen Mitgliedsbeitrag gezahlt.“

Ironischer kann ein Autorenschicksal kaum verlaufen: Auf der einen Seite das Lob der Kulturkritik, auf der anderen das ergebnislose Donnerwetter aus dem Beichtstuhl. Ich, der vom Kulturauge geadelte und von der Kirche bedrohte, stehe nun da und frage mich, was schwerer wiegt – die Hymne oder der Bannfluch, das Lob oder der halbherzige Tadel.

Ein Appell an den unbekannten Leser

Verzeiht meinem labilen Autorengemüt, aber ich stehe vor dem Nervenzusammenbruch. Ja, ich bin gestresst, ja, ich bin beinahe schon krank vor Sorge – dem Wahnsinn nahe! (Oder wie heißt das Vergnügen, nicht mehr Herr seiner selbst zu sein?)

Darum richte ich diesen Appell an dich, lieber Leser, du unbekanntes Wesen: Erbarme dich! Gib mir ein Zeichen, sei es auch nur anonym. Schreib mir ein paar Zeilen, nenne mir Himmel und Hölle deines Leseerlebnisses. Ich ertrage alles – überschwängliches Lob, sachliche Kritik, meinetwegen sogar böse Verrisse –, solange ich nur erfahre, was mein Buch in dir ausgelöst hat.

Denn nichts ist schlimmer als das große Schweigen im Walde. Selbst ein wütender Protest wäre mir willkommen, solange er ehrlich gemeint ist und aus der Lektüre (und einem ordnungsgemäß erworbenen Exemplar) kommt. 

P.S.: Selbst die empörten Stimmen geistlicher Würdenträger, die sich durch mythische oder kirchenkritische Motive in meinem Thriller auf den Schlips getreten fühlen, nehme ich gerne entgegen – vorausgesetzt, sie haben das Buch ordnungsgemäß gekauft und nicht kopieren lassen.

13.09.2025

 

Journalisten und ihre Wahrheit 

 oder: Wenn die Feder schneller fabuliert als das Leben

Man kennt das Spiel. Ein Journalist ruft an: „Wir wollen Ihre Geschichte erzählen.“ Klingt schmeichelhaft, als dürfe man endlich selbst zu Wort kommen. Doch spätestens beim fertigen Beitrag merkt man: Es war nie die eigene Geschichte, sondern die des Reporters. Er schreibt nicht, was war, sondern was sich verkauft. Und das sind selten die leisen Zwischentöne, sondern die lauten Knalleffekte.

Die Logik ist simpel: Sensation schlägt Substanz. „Wenn es kracht, dann kracht’s auch in der Auflage.“ Das Publikum verlangt Blut, Tränen und Verrat – und der Journalist liefert. Was nicht in die Dramaturgie passt, wird glattgebügelt. Komplexität stört. Zweifel irritieren. Also wird die Biografie des Porträtierten wie ein Krimi geplottet: Helden, Schurken, Abgründe. Das Ergebnis: ein Märchen im Gewand der Reportage.

Das Problem daran: Wer wirklich gelebt hat, erkennt sich in solchen Texten nicht wieder. Man liest von sich selbst wie von einem Fremden. „War ich das?“ „Habe ich das gesagt?“ Man möchte anrufen und korrigieren, doch das Telefon des Journalisten bleibt stumm. Er ist längst bei der nächsten Story – dem nächsten Opfer.

Natürlich, man könnte sagen: Journalisten sind keine Archivare, sondern Erzähler. Sie erwarten Bilder, keine Bilanzen. Aber wo endet die Erzählung – und wo beginnt die Lüge? Wenn aus einem Gespräch mit einem Glas Wasser in der Hand eine Szene mit „zitternden Fingern am Whisky“ wird, ist das keine Interpretation mehr, sondern Fiktion.

Manche Journalisten rechtfertigen sich mit dem Publikum: „Die Leser wollen es so.“ Ach ja? Die Leser wollen offenbar auch, dass Politiker Helden oder Schurken sind, niemals ambivalente Menschen. Dass Flüchtlinge Heuschrecken sind oder Heilige, aber nie Nachbarn. Das Publikum, heißt es, verträgt keine Grautöne. Nur Schwarz oder Weiß. Dabei wären genau die Grautöne die Wahrheit.

Ironie der Geschichte: Wer viel erlebt hat, wird umso stärker verfälscht. Denn eine bewegte Vergangenheit schreit nach Dramatik. Je mehr Stoff vorhanden ist, desto hemmungsloser wird gebogen. Ein Mann, der etwas gesehen, getan, erlitten hat – er ist für die Medien kein Zeitzeuge, sondern eine Requisite. Seine Rolle: den Plot verstärken.

Und man selbst? Man bleibt der Statist im eigenen Film. Die eigentliche Geschichte – die widersprüchliche, manchmal banale, manchmal tragische Wahrheit – passt nicht ins Drehbuch. Sie ist zu kompliziert, zu wenig quotenträchtig.

Das Bittere daran: Viele Journalisten begreifen nicht, dass sie so Vertrauen verspielen. Der Porträtierte fühlt sich benutzt, das Publikum irgendwann betrogen. Am Ende steht nicht Erkenntnis, sondern Misstrauen: gegen Medien, gegen Berichterstattung, gegen jede Form von Darstellung.

Vielleicht wäre Ehrlichkeit weniger spektakulär – aber nachhaltiger. Ein Leben, das in allen Facetten erzählt wird, ist spannender als jedes konstruierte Drama. Doch dazu bräuchte es Mut zum Leisen, Geduld fürs Widersprüchliche und Respekt vor dem, der sein Leben zur Verfügung stellt.

Solange das nicht passiert, bleibt das Verhältnis zwischen Journalist und Porträtiertem eine Art ungleiche Ehe: Der eine liefert die Wahrheit, der andere macht daraus einen Krimi. Und beide wissen: So richtig stimmt es nicht

Nur der Journalist verkauft es trotzdem.