28.09.2025

 Generiertes Bild

 

 

 

 

 

 

Der Experte – Schutzpatron des Unwissens

Wenn Politiker nicht mehr weiterwissen, rufen sie den „Beraterkreis“. Dort sitzen dann Menschen mit grauen Schläfen und ernsten Gesichtern, die Papiere wälzen, Statistiken zitieren und am Ende eine Empfehlung abgeben, die genauso unverbindlich ist wie das Wetter im April. Das Schöne daran: Der Politiker hat sein Alibi. „Ich habe die Experten gefragt.“ Wenn’s schiefgeht, war’s nicht er.

Ein genialer Trick – und die Medien haben ihn übernommen.

Experten als Lückenfüller

Man könnte glauben, die journalistische Grundaufgabe sei es, Informationen zu recherchieren. Inzwischen reicht es aber offenbar, eine Studiotür aufzumachen und den Nächstbesten hereinzuwinken. Titel? Am besten Professor. Fachgebiet? Nebensache. Hauptsache, man kann ihn in den Bauchbinden als „Experte“ ankündigen.

So sitzt der Politologe am Montag im Studio, erklärt die Ukrainefront, am Dienstag die Inflation, am Mittwoch das Klima. Universalgelehrte, wie man sie seit Leonardo da Vinci nicht mehr gesehen hat.

Der Unterschied: Leonardo war ein Universalgenie.

Klassiker des Irrtums (Magere Auswahl)

  • 2008, Finanzkrise: „Alles halb so wild, Europa bleibt verschont.“ Zwei Wochen später war Lehman pleite und die halbe Bankenwelt gleich mit.

  • 2020, Corona: „Masken bringen nichts.“ – „Masken sind unverzichtbar.“ – „Masken nur draußen.“ – „Masken nur drinnen.“ Der Bürger lernte vor allem eines: Man kann gleichzeitig recht haben und unrecht.

  • 2022, Ukraine: „Russland nimmt Kiew in drei Tagen.“ Tatsächlich zogen sich die russischen Panzer nach Wochen zurück, teilweise zu Fuß.

Und trotzdem sitzen dieselben Gesichter heute wieder vor Kameras und erklären, warum sie damals natürlich recht hatten, nur „im falschen Kontext“.

Der Zuschauer als Versuchskaninchen

Der Zuschauer darf derweil staunen, wie elegant Meinungen als Nachrichten verkauft werden. „Die Meldung konnte nicht bestätigt werden“, heißt es, aber keine Sorge: Der Experte hat ja eine Meinung! Und eine Meinung ersetzt bekanntlich jede Recherche.

Früher war die Zeitung voller Fakten. Heute ist das Studio voller Experten.

Satirische Zwischenfrage

Was kommt als Nächstes? Der Wetterexperte, der uns nach einem Blick in den Himmel versichert: „Es könnte regnen, aber auch nicht.“ Oder der Kaffee-Experte, der im Morgenmagazin erklärt, dass Bohnen grundsätzlich braun sind, aber auch mal schwarz wirken können.

Seriös verpackt, versteht sich.

Die Alternative: Mut zum Nichtwissen

Man könnte es so einfach haben: Journalisten sagen, was sie wissen. Und was nicht. Drei Spalten würden genügen:

  1. Gesichert.

  2. Unklar.

  3. Noch offen.

Das wäre ehrlicher als jedes „Expertenpanel“ und würde den Bürger nicht wie ein unmündiges Kind behandeln.

Denn die wahre Nachricht ist manchmal nicht das, was man weiß – sondern das, was man bislang nicht weiß.

23.09.2025

 

 

 Nörgeln statt Nachdenken – das deutsche Spezialtalent

Es gibt Länder, in denen Menschen Probleme praktisch und solidarisch lösen. Spanien zum Beispiel. Dort regt man sich weniger über „die da oben“ auf, sondern hilft einander – mit Händen und Füßen, nicht mit endlosen Klagen. Politik ist dort Hintergrundmusik, nicht das Hauptthema am Tisch.

In Deutschland dagegen gehört das Nörgeln zur Grundausstattung. Kaum ein Gespräch, in dem nicht die angebliche Unfähigkeit der Regierung beklagt wird. Auf Nachfrage, wie man es selbst besser machen würde, herrscht meist beredtes Schweigen. Oder es folgt eine empörte Floskel, die alles erklärt und nichts löst.

Besonders anschaulich wird diese Haltung im Ukrainekrieg. Die Ursache – dass Russland unter Putin völkerrechtswidrig ein Nachbarland überfallen hat – verschwindet im Nebel. Stattdessen heißt es: „Die Ukraine wird gemästet, mit Waffen, Geld, Sozialhilfe. „Alles auf unsere Kosten.“ Und die Lösung klingt simpel: Wenn wir die Unterstützung einstellen, ist sofort Frieden.

Das ist in seiner Logik ebenso bestechend wie der Ratschlag, bei Regen einfach nicht nass zu werden. Der eigentliche Gedanke dahinter: Wenn wir nichts tun, müssen wir uns auch nicht aufregen. Dass ein Aggressor damit belohnt wird und womöglich weitergreift, wird ausgeblendet.

Es ist eine erstaunlich egozentrische Sichtweise. Das Leid der Ukrainer zählt weniger als der eigene Strompreis. Freiheit und Sicherheit wirken abstrakt, solange sie nicht unmittelbar gefährdet sind. Hauptsache, das Abendbier bleibt bezahlbar.

Ironisch betrachtet, ist diese Haltung sogar „praktisch“. Praktisch für all jene, die Veränderung scheuen. Praktisch für Putin, der in Deutschland mehr Verständnis findet, als ihm gebührt. Praktisch auch für diejenigen, die den Westen schwächen wollen.

Übersehen wird dabei: Solidarität ist kein moralischer Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Wer andere im Stich lässt, verliert am Ende selbst jede Unterstützung. Wer glaubt, Frieden sei durch Wegsehen zu erreichen, wird überrascht sein, wenn der Krieg an die eigene Tür klopft.

Vielleicht würde Deutschland gut daran tun, ein wenig spanische Gelassenheit zu übernehmen – nicht als Gleichgültigkeit, sondern als Pragmatismus. Weniger Jammern, mehr Handeln. Weniger Feindseligkeit, mehr Zusammenhalt. Denn Solidarität schützt nicht nur die anderen, sondern auch uns selbst.